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Sachsenburg, das vergessene Konzentrationslager [VIDEO] 

In diesem Jahr 2020 jährt sich der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus in Deutschland zum 75. Mal. Aus diesem Anlass veröffentliche ich den in diesem Beitrag anhängigen Film, um eine lokale Referenz gegen das Vergessen der Anfänge der Katastrophe geschichtlichen Ausmasses zu geben.

Im Jahr 2016 besuchte ich aufgrund der Anregung meines alten Herren und der Tatsache, dass unser Großvater 1933 in diesem damals entstehenden Konzentrationslager Sachsenburg in Schutzhaft genommen wurde, eine Gedenkveranstaltung auf dem heutigen Areal dieser Stätte. Ein kleiner, aber sehr aktiver lokaler Verein, die Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenburg e.V., setzt sich seit 1998 für den Erhalt von Teilen des Objektes der Sachsenburgwerke an der Zschopau zum Zweck des Gedenkens an das dort geschehene Unrecht ein. Wie ich dort lernte, stellte sich dies als insgesamt äusserst mühsam heraus, da sich nach der Wendezeit dank zweifelhafter treuhändischer Verwaltungsaktivitäten die Eigentumsverhältnisse des geschichtsträchtigen Objektes änderten und die Gedächtniskultur an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus im damals neuen System nicht mehr den gleichen Stellenwert einnahm, wie zuvor. In mühsamer Agitations- und Kommunikationsarbeit hat der Verein im Jahr 2018 dem neuen Eigentümer des Sachsenburgwerkes und den politischen Verantwortlichen schließlich den minimalen Konsens einer Sanierung der für das Gedenken relevanten Stellen der Gebäude, sowie die Abstellung und Sanierung einer Ausstellungsräumlichkeit abgerungen. Wenn man darüber nachdenkt, dann ist es schon eine tragische Indikation unserer Zeit und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse, dass es zur Durchsetzung solch eines wichtigen Gedächtnisprojektes fast 20 Jahre bedarf, um einen relativ mageren Kompromis zu erreichen. Auf jeden Fall kann man das herausragende Engagement der Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenburg e.V. dabei nicht genug hervorheben. Ich denke, der Film gibt ein durchaus angemessenes Bild dieses ausserordentlichen Engagements wieder. 

Das Lager in Sachsenburg hatte besonders in den Anfangszeiten des Nationalsozialismus eine besondere Relevanz, als man begann, unbequeme Dissidenten und Querdenker, die den Nationalsozialisten als rebellisch, nicht systemkonform, also als "entartet" galten, vor allem aber Kommunisten im sächsischen Raum, zu inhaftieren. Diese Vorgänge begannen bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis im Jahr 1933 und standen vorerst unter dem Kommando der SA, bis 1934 die SS nach dem sogenannten Röhm-Putsch die Verwaltung und Systematisierung der Konzentrationslager übernahm. Sachsenburg spielte dabei neben Colditz und Dachau die Rolle eines Testlagers, eines Prototypen, nach deren Muster später sämtliche Konzentrationslager der Nazis aufgebaut werden sollten. Mein Großvater hatte wahrscheinlich großes Glück, dass er noch in den frühen Jahren des Lagers 1934 wieder entlassen wurde. Viele andere hatten dieses Glück nicht und litten unter dem dort geschehenen massiven Unrecht. 

(Noch) subtile Parallelen

Gerade heute, in einer Zeit in der Meinungsgleichschaltung und die reihenweise  Stigmatisierung Andersdenkender wieder beginnen um sich zu greifen und Kritiker vorherrschender populärer Meinungen und systemischer Annahmen nicht mehr gehört werden, geschweige denn eine signifikante Teilhabe an einer fairen öffentlichen Diskussion haben dürfen und gern ins Abseits gestellt, und mit einem Label versehen werden, sollte man sich sehr bewusst diese Zeit, diesen Vorabend des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges in das Gedächtnis zurückrufen und dabei die möglichen Folgen genau abwägen. Damals, wie heute, arbeiteten sich die gegnerischen politischen Fraktionen des Mitte-Links-Spektrums aneinander ab und rieben sich gegenseitig auf, ohne zu bemerken, dass diese ihre Unfähigkeit, auf Argumente des vermeintlichen politischen Gegners einzugehen und die negativen ad-hominem Pauschalisierungen von allem, was aus dem gegnerischen Lager kommt abzustellen und stattdessen den Fokus auf die wesentlichen gesellschaftlichen Missstände und Gefahren zu richten, ein ganz großen Anteil am schwindelerregend schnellen Aufstieg der Nationalsozialisten hatten. Die unhinterfragte Überzeugung von den eigenen etablierten starren Standpunkten, ohne die Fähigkeit, andere Meinungen auch nur ansatzweise zuzulassen und die permanente demonstrative Durchsetzung der eigenen Meinungshoheit, sind letztendlich aus der Sicht eines signifikanten Teils der Bevölkerung betrachtet Zeugnisse politischer und menschlicher Unfähigkeit, sowie moralischer Unreife. Die allgemeine Bevölkerung hat vielleicht kein mehrheitlich rationales, aber dennoch sehr sensibles Gespür für diese Dinge und die Mehrheit schweigt über die ungelösten und unausgesprochenen Dinge augrund des eingeflößten Respekts durch die Meinungsdiktatur und der damit zusammenhängenden gruppendynamischen Zwänge, die unserer menschlich-zivilisatorischen Entwicklung inneliegen und die auch schamlos ausgenutzt werden. Dieses Schweigen deuten die jeweils aktuellen Inhaber der Meinungshoheit gern als Zustimmung, jedoch kommt irgendwann ein singulärer Punkt, an welchem sich dieser geschwiegene Unmut über die zunehmend im Rahmen des alten Systems bewusst erschaffenen, und nicht mehr lösbaren politischen und wirtschaftlichen Probleme, sowie das Versagens der etablierten Systemparteien nicht mehr bändigen lässt und die nächste demokratische, oder möglicherweise auch nicht-demokratische Gelegenheit genutzt wird, um dieses System zu überwerfen und Kräften das Ruder in die Hand zu legen, die, wenn man Pech hat, vielleicht mit viel Blendwerk und Populismus Lösungen versprechen, die jedoch keine sind, zumindest nicht für alle und nicht langfristig.  

Der Aufstieg des Hitlerfaschismus in Deutschland war bereits Jahre voraus absehbar und es gab durchaus Bestrebungen, vornehmlich linker Teile des damaligen politischen Spektrums, diesem Aufstieg mittels einer politischen Einheitsfront zwischen der mitte-orientierten SPD und der KPD Einhalt zu gebieten. Jedoch scheiterte dieses Unterfangen an den politschen Eitel- und Kurzsichtigkeiten sowie dem ausgeprägten Lagerdenken beider Seiten, sowie der Unfähigkeit den Blick über das Klein-Klein des politischen Tagesgeschäfts und die oberflächlichen Probleme hinaus zu erheben und den systemischen langfristigen Charakter des eigenen Handelns zu hinterfragen und strategisch zu denken. Auch waren nicht alle Beteiligten in der Lage, die aufkommende Gefahr wahrzunehmen und realistisch einzuschätzen, da viele Winkelzüge, die den Nationalsozialisten an die Macht verhalfen, im Verborgenen stattfanden, bzw. von Akteuren vorbereitet wurden, von denen das nicht unbedingt offiziell zu erwarten war. Der aufmerksame Leser und Beobachter wird sicher einige Parallelen zur heutigen Situation wiedererkennen und hoffentlich die richtigen Schlüsse für sich und sein Handeln daraus ziehen können. 

Es ist wichtig sich zu erinnern

Ich habe lange überlegt, ob ich den Film so kurz, wie möglich halten, und mich lediglich auf die essentiellsten Aussagen beschränken soll. Jedoch habe ich mich letztendlich dagegen entschieden, um einen nahezu vollständigen Eindruck der Gedenkveranstaltung wiederzugeben, auch wenn das Filmmaterial dadurch etwas langatmig wirken mag. Ich habe mich ebenfalls zurückgehalten übermäßig verbal zu kommentieren, um das von den Organisatoren Gesagte stehen zu lassen, als das was es ist, ein Zeugnis einer dunklen Zeit und eine daraus abgeleitete Mahnung für die Gegenwart. Auch gibt der Film einen Einblick in die wichtige Erinnerungsarbeit des Lagerarbeitsgemeinschaftsvereins vor Ort, sowie die formellen Schwierigkeiten, die man heutzutage von offilzieller Seite her hat, um solch einer gedenkwürdigen Stätte, wie dieser, zu seiner rechtmäßigen Bedeutung als Mahnmal zu verhelfen. 

Die Feiertagsfrage

Die Gedächtniskultur im Bezug auf die Befreiung von der Nazidiktatur hat nach der Wende, bzw. der Wiedervereinigung aufgrund der neu geordneten geostrategischen Ausrichtung der Gesamtbundesrepublik einen weniger bedeutenden Platz eingenommen, insbesondere wenn es darum geht, die unbestrittene Leistung der damaligen Sowjetunion im 2. Weltkrieg anzuerkennen. So ist es zumindest mehrheitlich für den Ostteil des wiedervereinten Deutschlands schwer nachvollziehbar, warum der 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht als nationaler Feiertag begangen wird. Da sich mittlerweile seit mehreren Jahrzehnten seitens der etablierten Regierungspolitik aus dieser Frage herausgewunden wird, lässt sich nur vermuten, dass dies etwas mit der vorherrschenden transatlantischen Dominanz über die deutschen politischen Institutionen und Mainstream-Medien zu tun hat. Wenn es nicht einmal mehr möglich ist, die eigenen politischen Zwistigkeiten zu Gunsten des Gedenkens an die zahlreichen Opfer der begangenen Grausamkeiten des Krieges zurückzustellen und wenn nicht einmal mehr die Prinzipien des 1. Artikels unseres Grundgesetzes diese Fraktionen darin einen können, dann ist etwas ganz Grundlegendes nicht richtig in der Einstellung jener, die sich der Anerkennung dieses Tages mittels eines nationalen Feiertages weiterhin entziehen wollen. 

Mögen wir wachsam bleiben, um jeder neu aufkommenden Form des Faschismus wirksam vorzubeugen. 

Thomas Trautzsch

Wer sich näher über die Geschichte des Konzentrationslagers in Sachsenburg und die gute Arbeit des hiesigen Vereins informieren möchte, kann die  Webseite der Geschichtswerkstatt Sachsenburg besuchen.  

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