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Was ist ihre Lösung Herr Prof. Han?

von Thomas Trautzsch
2014-09-16

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/neolibera
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/neolibera
Am 2. September 2014 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Gastbeitrag des aus Südkorea stammenden und in Berlin lehrenden Philosophieprofessors Byung-Chul Han mit dem Titel „Neoliberales Herrschaftssystem – Warum heute keine Revolution möglich ist“. In diesem Artikel bringt Herr Prof. Han seine Perzeption der Dinge zum Ausdruck, dass das neo-liberale System trotz der zunehmenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft stabil ist und Widerstände dagegen stets in das Leere laufen. Als Hauptgrund dafür sieht er die Tatsache, dass die heutige vorherrschende oder systemerhaltende Macht nicht mehr repressiver Natur ist, sondern „verführerisch“, … seduktiv im Neudeutsch. Sie verwischt die Fronten und vermeidet es Gegenparteien wahrnehmbar werden zu lassen, weil sie die einst unterdrückten Arbeiter zu freien selbstausbeutenden Unternehmern erklärt, die sich selbst für ihr Scheitern verantwortlich zu machen haben und deren vermeintliche Freiheit sie nicht ihre eigene Unterworfenheit wahrnehmen lässt. Die Unterdrückten ordnen sich aus eigenem Willen in diese Rolle ein, ohne sich selbst als unterdrückt wahrzunehmen. Demnach sei der Neoliberalismus nicht mit marxistischer Begrifflichkeit zu erklären, so Han. In weiterer Ausführung geht er dann auf den neuen Trend der Sharing-Economy ein in der Teilen das Heil aller Dinge sei und es nur eine Frage des Zugangs zum Teilen sei, um eine „Null-Grenzkosten-Gesellschaft als das Ende des Kapitalismus einzuleiten, so wie es Autoren, wie Dave Eggers oder Jeremy Rifkin in ihren kürzlichen Werken darzulegen versuchen. Prof. Han sagt, dass dies keineswegs das Ende des Kapitalismus sei, weil die Sharing-Ökonomie die Totalkommerzialisierung des gesamten Lebens bedeute, in der eine zweckfreie Freundlichkeit nicht mehr möglich sei, weil gleichzeitig mit dem Zugang zum Teilen eine wechselseitige Bewertung stattfindet und man so letztendlich wieder bei der „harten Logik des Kapitalismus“ landet, der dann ein Stadium erreicht haben würde, in dem der Kommunismus als Ware verkauft wird. Das wäre seiner Meinung nach das Ende der Revolution.
Vom Standpunkt reiner Sinneswahrnehmung erscheint Prof. Han’s Argumentationskette durchaus schlüssig und ihm ist absolut Recht zu geben, wenn er den Kommunismus, sowie sämtliche Trends aufkommender verhaltensökonomischer Ideologien indirekt als unmenschlich, unzeitgemäß und naiv verurteilt. Jedoch vergisst auch Prof. Han die wesentlichste aller Charakteristiken, die uns Menschen von unseren animalischen Mitbewohnern auf der Welt unterscheidet. Die Fähigkeit der geistig schöpferischen Kreativität. Zugegeben, die meisten Menschen leben heute wie Tiere, ohne ihre eigenen Weisen zu hinterfragen und ohne jegliches Verständnis der Realität, jedoch wohnt dennoch jedem einzelnen menschlichen Individuum dieses kreative Potential inne, dass ihn zur Erkenntnis physisch universeller Prinzipien befähigt und ihn in die Lage versetzt den beschrieben Käfig axiomatischen Denkens zu durchbrechen und somit sein Verhalten nicht nach den Regeln der Seduktion animalischer Instinkte auszurichten sondern nach einer vom Menschen selbst angestrebten Zukunft höherer Ordnung. Man muss dieses Potential einer jeden schönen Seele im Schiller‘schen Sine nur wecken, nähren und erhalten und darin besteht die Herausforderung einer jeden menschlichen Gesellschaft und auch eines jeden Individuums. Prof. Han’s Ausführungen sind sicherlich eine gute Bestandsaufnahme der Effekte, die geschehen, wenn dieses Potential nicht erkannt und genutzt wird, jedoch fehlt ihnen eben jene Kreativität, die ein Ausbrechen aus diesem durchaus korrekt beschriebenen neo-liberalen Dogma ermöglichen. Prof. Han hat sich zumindest nicht in diesem Gastbeitrag in irgendeiner Form zu einer Lösung oder einer Angehensweise der vorherrschenden Situation äußern können und scheint den neo-liberalen Status Quo als axiomatisch gegeben anzuerkennen. Eine Kapitulation also?
Den Begriff Revolution gebraucht Prof. Han in diesem Beitrag auch ausschließlich im marxistischen Sinn und unterdrückt damit, dass er nicht nur für einen gewaltsamen gesellschafts-transformatorischen Prozess steht, sondern ein durchaus universelles Prinzip darstellt, in dem eine Veränderung von einem Zustand des Universums in einen neuen Zustand höherer Ordnung stattfindet und dies meist schlagartig durch ein singuläres Ereignis, dessen sich stetig aufbauendes Potential durch den niederen Zustand selbst geschaffen wurde. Die Evolutionsgeschichte (und ich meine keineswegs die zweifelhafte Darwin’sche) ist voll von Beispielen dieser Art von revolutionären singulären Ereignissen, von denen man z.B. die Sauerstoffrevolution hervorheben kann, die die Grundlagen für alles animalische Leben hervorbrachte.
Aufgrund der Universalität dieser Art revolutionärer Prinzipien wäre es schlichtweg falsch, anzunehmen, dass zumindest das Prinzip Revolution jemals tot sei. Die kommunistische Revolution ist vielleicht tot. Die Französische Revolution ist auch tot. Die amerikanische Revolution dagegen ist nicht tot, weil sie die einzige der Neuzeit war, die in Konkordanz mit der obig beschriebenen universellen Prinzipienhaftigkeit geschah und wirklich ein neues System höherer gesellschaftlicher Ordnung hervorgebracht hat. Es ist aus dem Grund der groben Verletzung und Missachtung dieser in der amerikanischen Verfassung niedergeschriebenen Prinzipien durch die letzten 3-4 Generationen der US-Amerikanischen Bevölkerung, und seiner politischen Führungen insbesondere, dass Neo-Liberalismus als Produkt eines fortgeführten Dogmas des Freihandels von Adam Smith und seiner Verhaltensökomischen Ansätze nach den „Pleasure and Pain“ Regeln, überhaupt erst (wieder) entstehen konnte. Die USA und auch Kontinentaleuropa leiden seit ihrem Bestehen unter den britischen Bestrebungen der zumindest ideologischen Re-Kolonialisierung, sei es durch ideologische Kontrolle der amerikanischen Präsidentschaft oder durch die Ermordung jener Präsidenten, die entgegen dieser ausgesprochen britischen Axiome handeln.
Es ist also ein universelles Prinzip, das die Missstände des niederen Zustands die Bedingungen für das singuläre transformatorische Ereignis der Zustandsänderung namens Revolution schaffen. Der nächste gesellschaftlich transformatorische Schritt findet möglicherweise in einer völlig anderen Art und Weise statt, als dies viele Menschen als gesellschaftliche Änderung erwarten würden und ist vielleicht genau so wenig repressiv und gewaltsam, wie es die neoliberale system-erhaltende Macht selbst ist. Man schaue auf die Entwicklungen in China, Russland, Brasilien, Indien, Südafrika und Argentinien, die sich derzeit im Verbund der so genannten BRICS Staaten eine wirtschaftliche Grundlage aufbauen, die nicht auf dem neo-liberalen Dogma beruht. Das einzige Mittel, welches dem vom Neo-Liberalismus geprägten transatlantischen System zur Machterhaltung zu verbleiben scheint ist Krieg, der derzeit in vielen Gebieten, wie in der Ukraine oder in Nahen Osten bewusst vom Westen provoziert und instigiert wird. Nun ist Krieg, den unser neoliberales System anzustreben scheint nicht unbedingt seduktiv, oder Prof. Han?
Das neo-liberale System ist keineswegs stabil. Stabil erscheint es nur jenen Individuen, die nur von ihren Sinneswahrnehmungen, jedoch nicht von ihrem kreativen Geist Gebrauch machen. Wir erleben in den heutigen Tagen de-facto den Untergang dieses neo-liberalen Systems, denn eine Gesellschaft, die auf den Regeln der Seduktion aufbaut, ist auf Dauer nicht überlebensfähig, da sie sich langfristig ihrer eigenen physischen Grundlagen beraubt. Sie schafft in sich selbst die Voraussetzungen für ihren eigenen Untergang, ähnlich wie es einst mit dem Römischen Reich passierte. Das gleiche gilt auch für Gesellschaftsformen, die auf der Basis der Repression bestehen. Eine sicherlich nicht schwer zu erfassende Tatsache ist auch, dass die systemerhaltende Macht des Neoliberalismus sehr viel Energie aufwenden muss, um überhaupt seduktiv erscheinen zu können und wenn die Art und Weise, sowie das Ergebnis der Seduktiven Kontrollprozesse aufgrund fehlender wahrhafter menschlicher Kreativität im Effekt nicht diese Energie-Erhaltung erbringen kann, dann haben wir es mit einem System der Entropie zu tun, das, wie es der Begriff bereits ausdrückt zum Untergang verurteilt ist.
Der universelle Drang zur höheren Ordnung und zum Fortschritt, liegt dennoch beiden Fällen inne, denn immer geht es um menschliche Gesellschaften, die als Ausdrucksform universeller Entwicklung keine Entropie akzeptieren. Entropie geschieht nur dann, wenn entgegen universeller Prinzipien bewusst dafür gesorgt wird, dass die kreativen kognitiven Fähigkeiten des Menschen unterdrückt und ausgeschaltet werden. Das Wissen um die Existenz dieses universellen Prinzips des Fortschritts und der Kreativität verleiht jenen Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf den Weg zu begeben, das Universum zu verstehen, eine grenzenlose Energie des Optimismus als Teil eines größeren Ganzen in Konkordanz mit diesem Prinzip nach Höherem zu streben. Die Revolution ist daher nicht tot, denn Revolution hat sehr seht wenig mit Kommunismus zu tun.
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