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Die Friedensbewegung heute - Ostermarsch 2017

von Thomas Trautzsch
2017-04-17
Ostermarsch Jena 2017

Am Oster-Sonnabend 2017 habe ich angesichts der derzeit äusserst angespannten weltpolitischen Lage am erstmals in Jena stattfindenden Ostermarsch teilgenommen. Der Marsch wurde maßgeblich von der Linken in Thüringen und anderen Parteien und Vereinen organisiert und unterstützt. (Eine komplette Aufführung der Unterstützer kann dem unten stehenden Plakatausschnitt entnommen werden.) Mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, dass die heutige Friedensbewegung massive Probleme hat, Menschen für ein großes gesamtgesellschaftliches Hauptanliegen zu mobilisieren, hatte ich dennoch die Erwartung, dass angesichts der kürzlichen Ereignisse, die einen 3. Weltkrieg immer näher rücken lassen, mehr Menschen auf der Strasse Gesicht für den Frieden zeigen würden. Meiner eigenen Schätzung nach waren in Jena ca. 200 Menschen auf der Strasse, während es lt. MDR ca. 150 gewesen sein mögen.

http://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/ostermarsch-jena-100.html

Es ist bedrückend, dass sich in einer Stadt, die von sich selbst behauptet weltoffen zu sein, trotz der brisanten Lage kaum mehr Menschen für den Frieden hinter dem Ofen hervorlocken lassen und man fragt sich natürlich nach den Ursachen. Ich möchte gern meine Sicht der Dinge hier in diesen Zeilen darlegen.

Wir leben heute in einer Gesellschaft in Deutschland, deren Werte im wesentlichen vom Liberalismus bestimmt werden. Dieser allgemeine Liberalismus als Folge eines durch zunehmenden Wohlstand stattfindenden Paradigmenwechsel ist ein äusserst zweischneidiges Schwert. Hat er doch für jeden so seine heute unverzichtbar scheinenden Annehmlichkeiten, jedoch der daraus resultierende wachsende Individualismus führt m. E. zu einer zunehmenden Desensibilisierung für jegliche große, das Allgemeinwohl betreffende Themen, sofern diese scheinbar nicht unmittelbar das eigene Wohl betreffen. Frieden hat nach mehr als 70 Jahren nach der Beendigung des 2. Weltkrieges in der Wahrnehmung der meisten an Bedeutung verloren, weil jene Menschen, die den letzten Krieg erlebten immer weniger werden und die Erinnerung an das damalige Leid in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zunehmend verblasst. Für die dritte Nachkriegsgeneration erscheinen die Mahnungen der vergangenen Geschichte lediglich als Worte, die es hier und da mal auswendig zu lernen gilt und die geistige Verbindung der geschichtlichen Ereignisse von damals mit den heute stattfindenden Entstehungsprozessen im Vorfeld eines neuen Weltkrieges ist real kaum vorhanden. Für die meisten ist es wichtiger, die Tage des Osterfestes in den Reihen der eigenen Familie zu begehen, anstatt sich die Zeit für eine Friedensbekundung zu nehmen, was mehrere Gründe haben kann. Alle wollen den Frieden. Das ist deutlich einer Forsa-Umfrage zu entnehmen, die im März 2016 gemacht wurde, und bei welcher es darum ging, was mit den in Deutschland gelagerten Atomwaffen zu geschehen habe.

https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomwaffen/forsaumfrage_Atomwaffen_2016.pdf

85% aller Befragten sprachen sich für eine Abschaffung der in Deutschland gelagerten Atomwaffen aus. Dennoch versteht die Mehrheit augenscheinlich den Ernst der Lage nicht vollständig, sowie dass man dafür Opfer bringen muss, selbst wenn es lediglich Zeit für einen 2-stündigen Demonstrations-Spaziergang am Oster-Samstag bedeutet.


Ein weiterer Punkt in dieser Reihe von Gründen des vorherrschenden Desinteresses ist die zunehmende Entkopplung der politischen Prozesse in unserem Land von den klassischen Werten unserer Kultur, welche unser Land und auch andere Länder und Regionen in der Welt groß gemacht haben. Wir leben heute mehrheitlich in einer Art vereinheitlichten neo-romantischen Pop-Kultur in der meistens das eigene Befinden und der Ausdruck der eigenen Gefühle und Emotionen im Vordergrund stehen und welche kaum Raum für das gesamtheitliche Bild des Allgemeinwohls zulässt, wie es als Leitthema in der Klassik hauptsächlich vorhanden ist. Die Existenz der klassischen Prinzipien, bei denen die individuellen Belange des Einzelnen zu Gunsten des Wohls der allgemeinen Gesamtheit in den Hintergrund rücken, sind weitestgehend ausgehebelt durch die Entwicklung profaner Popkulturen und Gegenkulturen, welche für die ihr anhängenden Individuen gerade bei den jüngeren Generationen jeglichen Blick und das Verständnis für wesentliche Dinge verstellt haben.

Wie der Plakatausschnitt der Jenaer Ostermarschwerbung bereits erahnen lässt, war diese Friedensveranstaltung massgeblich durch die Linke organisiert und berührte daher wahrscheinlich auch hauptsächlich den aktiven Teil der linken Klientel. Dieser Aktivismus ist natürlich als positiv zu bewerten, aber im Vergleich zur Friedensbewegung der 80er Jahre, wo es um des Friedens willens eine größere politische Diversität Beteiligung gab, die scheinbar besser in der Lage war über ihre eigene politischen und religiösen Schatten zu springen, ist die heutige Friedensbewegung äußerst linkslastig und repräsentiert meiner Wahrnehmung nach kaum die Mitte der Gesellschaft. So ist es denn nicht verwunderlich, dass die meisten Friedensdemos eher anmuten, wie Wahlkampfveranstaltungen der Linken, welche aufgrund ihrer internen Querelen und ihrer rein effekt-fokussierten Solidar- und Umverteilungspolitik kaum vermag, die viel größere Mitte der Gesellschaft anzusprechen und zu mobilisieren. Im folgenden Video ist quasi die Key-Note Ansprache des linken Mitgliedes des Bundestages Martina Renner zu sehen. Die Rede ist exemplarisch für diese Probleme. Sie betont dabei richtigerweise die Notwendigkeit der Überwindung der Ära der Geostrategie, lässt jedoch ausser Acht, dass das derzeitig geostrategische Dogma in unseren Gesellschaften eine Realität ist, die man nicht dadurch überwindet, dass man einfach sagt, man müsse damit aufhören. Dazu bedarf es konkreter Strategien. Strategie ist jedoch nicht die Stärke der heutigen Linken, die ihren Fokus auf Protest und Anprangerung legen, jedoch kaum realpolitisch angreifbare Lösungen formulieren können, sondern stets in der starren moralischen Abstraktion verharren. (Bis auf rare Ausnahmen, wie Dr. Sahra Wagenknecht)






Weiterhin konnte man beim Zuhören leicht den Eindruck gewinnen, dass die Linke das Thema für sich vereinnahmt und anders gerichteten politischen Strömungen im Land die Fähigkeit zum Friedenswillen in gewisser Weise abspricht. Das ist m.E. kontraproduktiv, denn der Friede geht alle an, auch jene, die mit der Linken vielleicht nicht überall einer Meinung sind. Lieber wäre es mir gewesen, Frau Renner hätte eine einladende Geste an das gesamte Spektrum friedliebender politischer Akteure aller Parteien gemacht, anstatt innenpolitische Differenzen in den Vordergrund zu stellen. Ein weiteres Problem ergibt sich m.E. aus der bei den Linken dominierenden Haltung der Ablehnung des Nationalstaates. Auch wenn wir hier in Europa (m.E. irrigerweise) bestrebt sind, die an unsere Kulturen gebundenen nationalstaatlichen Strukturen zu eliminieren, so heisst dass noch lange nicht, dass andere Länder und Regionen in der Welt der gleichen Ansicht sind. Was maßen wir uns als Europäer mit all unserern eigenen EU-Problemen eigentlich an, anderen Staaten und Regionen Lektionen darüber zu erteilen, wie diese ihr gesellschaftliches Zusammenleben zu organisieren hätten und dass diese ihre Nationalstaatlichkeit zum Wohle des Friedens aufgeben sollten? Genau diese überhebliche europäische Haltung führt zu einer Distanz, welche eher Brücken einreisst, als sie aufzubauen. Die Generalverurteilung nationalstaatlicher Systeme als Imperialstrukturen ist an sich historisch wiedersprüchlich und dient mit Sicherheit nicht der Erzeugung eines weiten Konsenses zum Zweck der Organsiation einer breiten Friedensbewegung und hier wäre ein größeres Maß an Toleranz von Seiten des MdB der Linken sicher produktiver gewesen.

Jedoch ist es wahrscheinlich so, dass die Kriegsbedrohung auch bei den organisierenden politischen Strukturen noch nicht in ihrer vollen Härte und Realität in das Bewusstsein eingedrungen ist. Insofern ist die Schmerzschwelle hier in Deutschland vielerorts noch nicht erreicht, die dazu führen würde, politische Differenzen temporär beiseite zu legen und die rein menschlichen Aspekte einer breiten Friedensbewegung in den Vordergrund zu stellen.

Neben Frau Renner von den Linken gab es weitere Redner, wie z.B. Frau Ute Hinkeldein von der Thüringer Friedenskoordination, Frau Julia Langhammer vom DGB, sowie Herr Prof. Dr. Joachim Misselwitz vom IPPNW und der Initiative Rüstungskonversionsfonds Jena. Diesen Reden war erfreulicherweise gemein, dass sie weit weniger politisierend gehalten wurden und sich wesentlicher auf humanistische und konkrete Aspekte der derzeitigen Probleme in der Welt konzentrierten und auch konkrete Massnahmen und Strategien propagierten, wie z.B. die des Trägerkreises Rüstungskonversion Jena, die sich konkret zum Ziel gesetzt haben die Rüstungsgüterproduktion in Deutschland und in Jena im Speziellen abzuschaffen und darüber mit den lokalen Firmen einen offenen Dialog zu führen.

















Nach den Ansprachen folgte ein Rundgang im Jenaer Stadtzentrum und einer weiteren Rede des Vorsitzenden des

Alles in allem ist zu sagen, dass es eines weitaus größerenEngagements einer breiteren Schicht der Gesellschaft bedarf, um wirklich etwas zu bewegen und Druck auf die Bundespolitik auszuüben. Insofern ist es notwendig, dass mehr Menschen den Mut und die Überwindung aufbringen, in der nahen Zukunft für den Frieden und Abrüstung auf die Strasse zu gehen. Gelegenheiten dafür werden sich im Jahr 2017 vermutlich noch reichlich ergeben.

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Thomas Trautzsch   
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