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Wer hat Putin den Nemtsow-Mord angehängt?

von Jacques Sapir
2015-03-05
Jacques Sapir (http://russeurope.hypotheses.org)

Ein Artikel des französischen Russland-Experten Jacques Sapir

Den Originalartikel in Englischer Sprache finden sie hier.

Dieser Mord an Boris J. Nemtsov, kurz vor einer geplanten Demonstration der Opposition, hat eine tiefe internationale Emotion hervorgerufen. Emotionen waren auch in Moskau wichtig, wenn man sich das Ausmass der Demonstration zu Ehren Boris Nemtsov's Gedenken vor Augen führt, bei der 10-Tausende Menschen am 1. März zusammenkamen. Diese Demonstration verwässerte jedoch eine andere, bei der ebenfalls 10-tausende (dennoch weniger als bei der ersten) und die zur gleichen Zeit stattfand. Das Problem war, dass die kommunistische Partei eine zweite Demonstration organisierte, welche die Absetzung der Regierung von Dmitri Medvedev forderte. Ziemlich offensichtlich sollten diese Demonstranten nicht die "guten" Russen nach westlichem Standard sein. Diese Zweiteilung zwischen "guten" und "bösen" Gegnern wurde zu einem Zeichen der westlichen Medien, die sich Tag für Tag immer weiter vom wirklichen Russland entfernen.

Nichtsdestotrotz ist klar, dass dieser Mord im perfekten Maße die politische Situation, wenn nicht in Russland, so zumindest in Moskau destabiliseren kann. Nebenbei bemerkt, fokussiert es die Aufmerksamkeit auf Präsident Wladimir Putin, der sich in der Situation wiederfindet, seine Unschuld beweisen zu müssen, so stark sind die Verdachtsmomente, die auf ihn zeigen. Tatsächlich haben eine große Anzahl westlicher Politiker und Journalisten gleichermaßen bezüglich dieses Verbrechens mit dem Finger auf Putin gezeigt ohne irgendwelche harten Fakten oder Beweise vorgebracht zu haben. Das wirft einige Fragen auf.



Ein geplanter Mord?

Bis jetzt gibt es nur sehr wenig Tatsachen, auf die wir bauen könnten. Jedoch zeigen jene, die wir haben auf einen geplanten Mord. Es ist bekannt, dass Nemtsow mit einem ukrainischen Model in einem Restaurant im GUM dinierte und einer der Ausgänge des GUM führt auf den Roten Platz. Von hier an scheinen die Tatsachen folgendes zu ergeben:

1. Nemtsow und seine Begleiterin verließen das Restaurant zu Fuss, gingen an der St. Basilius Kathedrale vorbei und nahmen die Große Brücke über die Moskwa. In Anbetracht der Uhrzeit (zwischen 23.00 und Mitternacht) und der Jahreszeit gab es keine große Menschenmenge auf der Brücke.
2. Ein Schütze, der von hinten feuerte, tötete Boris Nemtsow. Er feuerte 8 Schüsse, von denen 4 Nemtsow im Rücken trafen, und sprang in einen Wagen, der Nemtsow folgte. Interessanterweise passierte dies genau, als praktischerweise ein Schneeräumfahrzeug vorbeifuhr und die CCTV-Kameras, die auf der Brücke angebracht sind, blockierte.
3. Die benutzte Waffe scheint eine automatische Pistole des Makarov-Typs zu sein.
4. Nemtsows Begleiterin wurde nicht getroffen.

Das wirft einige Fragen auf. Jemanden von hinten zu erschießen legt nahe, dass der Täter das Opfer einwandfrei identifiziert haben muss. Es zeigt ebenfalls ein hohes Maß an Waffenerfahrung auf die mit nichts anderem kompatibel ist, als mit der eines Auftragsmörders. Das Risiko, das Ziel zu verfehlen, oder nicht-tödliche Wunden zu verursachen ist sehr hoch. Die große Anzahl von Schüssen ist bemerkenswert, ebenso wie die Tatsache, dass es keinen finalen Terminierungsschuss gegeben hat. (Zumindest laut dem, was bis jetzt bekannt ist.)

Von diesem Standpunkt aus muss man sich wundern, warum man nicht gewartet hat, bis Nemtsow zu Hause ankam? Der klassische Fall eines Auftragsmords passiert an einem Ort, wo man sicher ist, das Opfer aufzufinden, wie z.B. der Treppenaufgang eines Appartment-Gebäudes, oder wenn das Opfer aus dem Restaurant herauskommt. Diese Wahl der Szene des Verbrechens könnte auf eine demonstrative Absicht hinweisen, um Putin mit diesem Mord in Verbindung zu bringen? Auf jeden Fall ist klar, dass die Mörder Risiken auf sich nahmen, um eine politische Absicht nahezulegen. All dies lässt einen an einen wohlgeplanten, aufgesetzten Akt denken.

Wozu?

Die Medien, in Frankreich und in anderen westlichen Ländern, haben uni-sono den Gedanken an einen Mord der vom Kreml oder Kreml-nahen Organisationen in Auftrag gegeben wurde, in den Vordergrund gestellt. Wir sagen hier gerade heraus, dass diese erste Hypothese nicht mit der Szene des Verbrechens in Übereinstimmung zu bringen ist. Es ist weiterhin schwer auszumachen, welches Interesse die russische Regierung haben sollte, einen Oppositionspolitiker zu töten, der mit Sicherheit wohlbekannt war, jedoch in den politischen Hintergrund gefallen ist. Als Dimitri Peskow, der Sprecher von Präsident Putin, sagte, dass Nemtsow in keiner Weise eine Bedrohung darstellte, war dies absolut die Wahrheit. Und wenn man annimmt, dass der Mord an Nemtsow ein Versuch war, die anderen opossitionellen abzuschrecken, wäre dies wesentlich einfacher bei ihm zu Hause gewesen. Der Gedanke einer Beteiligung, direkt oder indirekt, der russischen Regierung erscheint daher höchst unwahrscheinlich.

Eine weitere Hypothese, die von der russischen Opposition hervorgebracht wurde, ist jene, dass Leute des extremistisch-nationalistischen Randes, mit engen, jedoch nicht direkten Verbindungen zur russischen Macht, das Verbrechen begangen haben könnten. Tatsächlich ist bekannt, dass extremistische Gruppen vor kurzem verschiedene Gegner bedroht haben, einschließlich Nemtsow. Diese Gruppierungen werfen, nebenbei bemerkt, Putin Halbherzigkeit bei der Unterstützung der Aufständischen im Donbass und bei der Bereitstellung von Freiwilligen für diesen Aufstand vor. Es ist absolut möglich in den Reihen dieser Bewegungen Leute zu finden, die fähig wären, diesen Mord zu begehen. Dann jedoch muss man folgende Fragen beantworten:

1. Warum würden diese Leute Nemtsow mehr oder weniger direkt "unter den Fenstern des Kreml" töten? Die wahrscheinliche Planung des Mordes passt nicht besonders gut zu dieser Theorie.
2. Wie hätten diese Leute Wissen über Nemtsows Verhalten erlangen sollen, als er mit seiner Begleiterin im Arm das Restaurant verließ? Wiederum hätte ein Mord in Nemtsows Wohnung wesentlich mehr Sinn gemacht. Und wenn die Begleiterin mit dem Mord im zusammenhang steht (selbst wenn nicht direkt und in Absicht) hätte dies tiefe Verbindungen in die Ukraine vorausgesetzt, die nicht gerade auf eine Tötung zulaufen, die durch russische extreme Nationalisten organisiert wird.

An dieser Stelle noch einmal, hätte der Mord am Ausgang des Restaurants oder in Nemtsows Wohnung stattgefunden, könnte man (vielleicht) an diese Hypothese glauben. Die Bedingungen jedoch, die zum Mord führten und die inneliegende Planung erscheinen kaum kompatibel mit einem Akt einer Gruppe von Extremisten. Lassen Sie es uns frei heraus sagen: Der Grad der Organisation dieses Mordes trägt wahrscheinlich die Spur beteiligter "Dienste", die sich auf Staatsebene oder privater Ebene bewegen könnten - Oligarchen haben die Mittel, auf private "Dienste" zurückzugreifen. Dann muss man jedoch wiederholen, dass die Teilnahme russischer Dienste keinen Sinn macht. Aus Putins Standpunkt und dem der Regierung ist dieser Mord eine Katastrophe, nicht nur für die Politik, sondern auch im Informationskrieg.

Eine Provokation?

Wladimir Putin und die russische Regierung haben sofort die Hypothese hervorgebracht, dass es sich um eine Provokation handeln könnte. Es ist leicht zu sehen, warum sie auf diese zurückgreifen. Man muss aber die Wahrheit haben, zu sagen, das sie genau dies ist, eine Hypothese. Putin ist eigentlich das Ziel einer tiefen und weitverbreiteten Hass-Kampagne der westlichen Medien. Die Tötung eines Menschen, der ein Gegner sein soll, ist einfach etwas, dem die Journalisten nicht wiederstehen können. Sie haben sich daran gemacht, ihn für alle Sünden auf dieser Erde zu beschuldigen. Die Tatsache, dass Nemtsow in starker Verbindung mit der fehlgeschlagenen Politik der 90er stand, die Russland an den Rand des Zusammenbruchs getrieben hat, wurde vergessen. Die Tatsache, dass sich Nemtsow dafür entschieden hat, seit 2004 die orangene Revolutions-Regierung in der Ukraine zu beraten, wurde vergessen. Eine Menge Leute, nicht nur in Russland, hätten Nemtsow gern tot sehen wollen. Doch all das wurde vergessen und das Wort, das nun die Runde macht ist "Putin ist der Mörder!" oder "Putin hat Nemtsows Mord inspiriert". Es ist einfache eine Schande, eine schmutzige Schande. Aber es ist im Einklang mit dem Krieg den die westlichen Medien gegen Russland und Putin treiben.

In einem großen Maße scheint Putin ein kollaterales Opfer von Nemtsows Tod zu sein. Wenn dies eine Provokation ist, könnte sie von einer Menge Leute organisiert worden sein, viele Länder und viele Leute haben ein Motiv, Putin in dieser Weise etwas anzuhängen. Daher müssen wir uns die ewige Frage stellen: Wer könnte von diesem Mord profitieren? Sicherlich nicht Putin.

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