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Auf den Spuren Walter Trautzsch's - Ein erster Schritt [VIDEO]

von Thomas Trautzsch
2016-03-27
Besuch ehemaliger Konzentrationslager in Colditz und

Vor ca. einem Monat reichte mir unsere Nachbarin, eine treue Leserin des Neuen Deutschland, einen Zeitungsausschnitt herüber, auf dem die Todesanzeige der Nichte meines Großvaters zu lesen war. Ich habe die Frau, die einst eine hohe Funktion im DDR-Staatsapparat trug, nicht persönlich gekannt, jedoch löste die Nachricht in mir das Bedürfnis aus, mich mit meinem Vater darüber zu unterhalten und ihn bei der Gelegenheit auch gleich über mein Vorhaben bzgl. der Arbeit an der Geschichte Walter Trautzsch's, also seinem Vater, zu unterrichten. Wir führten ein längeres Telefongespräch, in dem ich ihn verschiedene Sachen zur Familiengeschichte fragte. Obwohl der Anlass der Tod einer entfernten Verwandten war, so ergab sich dennoch ein positiver Impuls, der meinem Drang nach Aufklärung neue Energie verlieh.




Todesanzeige Gisela Glende (geborene Trautzsch)




Der erste Schritt

Am diesjährigen Karfreitag ergab sich für mich die Gelegenheit, losgelöst vom Rest meiner Familie, etwas Zeit für eigene Recherchen aufzubringen. So beschloss ich spontan, mich in das Auto zu setzen und nach Colditz zu fahren. Ich hatte gelesen, dass mein Großvater dort zwischen 1933-34 als so genannter Schutzhäftling eingesessen hatte.




Luftbildaufnahme Schloß Colditz



Drei Jahre zuvor war ich schon einmal mit meiner Familie auf einem Kurzurlaub auf Schloss Colditz, wo heute eine Jugendherberge untergebracht ist. Wenn ich daran zurückdenke, mit welcher Sorglosigkeit wir unsere Zeit dort verbrachten, dann überkommt mich heute stets eine große Nachdenklichkeit, jetzt, da ich weiß, dass mein Großvater von den Nazis dort inhaftiert wurde. Ich weiß leider noch nicht genau, wie lange er dort inhaftiert war, und welche Gründe zu seiner Freilassung führten, aber allein die Tatsache, dass er dort eine Zeit lang gelitten haben mag und ich mit meiner Familie dort ca. 80 Jahre später Urlaub machte, bedrückt mich und zwingt mich, heute verantwortungsvoller mit den Geschehnissen der Vergangenheit umzugehen.

Das Museum im Schloß Colditz verschweigt nicht den unrühmlichen Teil der Schloßgeschichte, als es den Nazis als Schutzhaftlager diente und damit quasi zu einem Prototypen der späteren Konzentrationslager wurde. Dennoch stehen andere Zeitintervalle der Schloßgeschichte prominent im Vordergrund und verdrängen damit die Schutzhaftlagerzeit. Lediglich eine kleine Mahntafel am Eingang erinnert im Schloß Colditz heute noch an diese Zeitspanne.




Mahntafel im Schloss Colditz in Referenz zur Zeit in der das Schloss als Schutzhaftlager diente



Obwohl ich die Schloßausstellung vor drei Jahren schon einmal besichtigt hatte und wusste, dass die Schutzhaftlagerzeit darin kaum Erwähnung fand, konnte ich es mir nicht verkneifen, das Personal danach zu fragen. Sie bestätigten das selbige mit etwas verlegener Mine und auf Anfrage und nach Erwähnung der Tatsache, dass ich mich auf den Spuren meines Großvaters befinde, der hier inhaftiert war, gab man mir eine kleine 60-seitige Broschüre, die das Ergebnis der Arbeit eines Zirkels war, der sich intensiver mit dieser Zeit auseinandersetzte, und welche von der Linken im Muldentallandkreis herausgegeben wurde. Darin fand ich zwar keine direkten Informationen über meinen Großvater, da dieser nicht aus dem Muldentallandkreis stammte, aber ich fand einen recht brauchbaren Einblick in eine Zeit, kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis in Deutschland, in der Kommunisten, Sozialdemokraten und andere dem aufstrebenden Regime unbequem gegenüberstehende Menschen ohne Angabe von validen Gründen inhaftiert wurden. Von dieser Broschüre existierte dort im Museum nur ein einziges Leseexemplar, sodass ich mir nicht einmal eine Kopie mit nach Hause nehmen konnte. Ich muss gestehen, dass dieser nachlässige, dem Vergessen hingewandte Umgang mit diesem Teil der Geschichte, der mir hier entgegenschlug, mich traurig und auch ein wenig wütend gemacht hat. Diesen Eindruck habe ich dann den ganzen restlichen Tag mit mir herumgetragen.

Eine ganze Ausstellung widmet man der Internierung von alliierten Offizieren, von denen die wenigsten aufgrund ihrer hohen Ränge wirklich etwas auszustehen hatten und die es sich nahezu zur sportlichen Aufgabe gemacht hatten, aus dem Schloss auszubrechen, während jene Menschen, die bereits 1933-34 vor dem Ausbruch des Krieges gegen den Nationalsozialismus und den aufkeimenden Faschismus Widerstand leisteten, kaum eine nennenswerte Erwähnung finden. Das Leid dieser Menschen wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt und muss neuen gesellschaftlichen Normen weichen, bei denen die Tatsache, dass es sich dabei hauptsächlich um Kommunisten handelte, eher ein Hindernis bei der touristischen Vermarktung des Schlosses und der Umgebung darstellt. Die Vermarktung des Schlosses als ehemaliges Internierungslager für internationale hochrangige Offiziere lockt natürlich ein breiteres internationales Publikum nach Colditz, nur schade ist dabei, dass man es versäumt, diese Gelegenheit zu nutzen, um die Besucher auch im Hinblick auf die Geschichte des Schutzhaftlagers in hinreichender Form zu informieren und zu bilden.

Meine Argumentation in dieser Richtung ist keineswegs als eine Verteidigung des Kommunismus in seiner marxistisch-leninistischen und anderen Ausprägungen zu verstehen. Sicher ist es aus heutiger Sicht nur eine Hälfte des Bildes, wenn man das Wirken der Kommunisten im Vorfeld des zweiten Weltkrieges als einen reinen Kampf gegen den Nationalsozialismus und Faschismus beschreibt und versteht. Es ist eine Tatsache, dass Deutschland vor und nach dem 1. Weltkrieg Schauplatz einer geostrategischen Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den transatlantischen Kapitalinteressen um die zukünftige politische, sowie geo-strategische Ausrichtung Deutschlands war. Bei diesem Kampf bedienten sich beide Seiten für heutige Begriffe radikaler Ideologien, die ihren Nährboden in der bitteren Realität der Wirtschaftskrisen und der dadurch weit verbreiteten Armut fanden und die dazu dienten Massen zu mobilisieren. Kommunismus sowie Faschismus haben beide gemein, dass sie Ideologien repräsentieren, die sich leicht dazu instrumentalisieren lassen, Menschen gegeneinander aufzubringen und in diesem Prozess deren Streithaftigkeit auf ideelle Dinge zu lenken, die für ihre eigene Prosperität und Freiheit eigentlich zweitrangig sind. Dennoch wäre es ein Fehler, dies zum Anlass zu nehmen, Kommunismus und Faschismus einander gleichzusetzen. Ich würde behaupten dass die meisten Menschen, die sich dem Kommunismus zugewandt haben, dafür Gründe hatten, die dem Humanismus weit näher lagen als jene, die für andere Menschen als Grundlage zur Annahme der faschistischen Ideologie herangezogen wurden und spätestens, als der Kommunismus durch die von anglo-amerikanischen Banken- und Industriekreisen finanzierte schmutzige Propaganda und den Terror der Nazis in die Defensive gedrängt wurde, erhielt er seine heute noch von vielen Menschen aus der ehemaligen DDR verteidigte Legitimation der Kampffront gegen den Nationalsozialismus und Faschismus.

Die Frage, die sich mir angesichts dieses heute verfügbaren Wissens stellt, ist, warum man nicht solche Gelegenheiten nutzt, um auf Ausstellungen, wie solchen auf dem Schloss Colditz, in einem angemessenen Verhältnis in beide Richtungen zu informieren. Der Versuch, die durchaus schändliche Zeit des Colditzer Schutzhaftlagers durch eine disproportionale Darstellung der Ereignisse vergessen zu machen und dadurch eine offene Diskussion dieser Dinge zu vermeiden ist keine Lösung. Die Ausstellung auf dem Colditzer Schloss ist dafür leider ein unrühmliches Beispiel. Meiner Meinung nach bedürfte sie einer grundlegenden Überarbeitung, weil sie ein verfälschtes Bild dieser Zeit vermittelt.

Das Konzentrationslager Sachsenburg
Da mein Großvater während seiner Schutzhaft von Colditz nach Sachsenburg verlegt wurde, bin ich auch dorthin gefahren, um seinen Spuren zu folgen. Ich hatte in gewisser Form die Erwartung zumindest eine Art gepflegte Gedenkstätte vorzufinden. Die Realität sollte meinen Erwartungen jedoch in einigen Punkten gewaltig hinterhereilen. Auf dem Weg nach Sachsenburg konnte ich aus dem Auto heraus zahlreiche Bahnhofs- und Industrieruinen sehen, die Zeugnis einer längst vergangenen Zeit der deutschen Industrialisierung und der damit einhergehenden Vitalität einer Nation ablegen, aber auch der beispiellosen De-Industrialisierung und Entvölkerung dieser Gebiete nach dem Fall der Mauer. Bei meiner Ankunft in Sachsenburg hatte ich Schwierigkeiten, das Konzentrationslager zu finden, da im Ort nichts ausgeschildert ist.

Ich landete zuerst direkt am Eingangstrakt der Sachsenburg, da ich annahm, dass das Konzentrationslager auch hier in einer Burg untergebracht wurde. Dass dem nicht so war erfuhr ich auf der Stelle. Die Sachsenburg, die seit dem 13. Jahrhundert existiert, ist teilweise in einem erbärmlichen baulichen Zustand. Die Bilder die man touristenfreundlich im Internet zur Schau gestellt bekommt zeigen stets nur den straßenseitigen sanierten Flügel des Schlosses und nicht den hinteren Flügel des Innenhofes. Dieser ist ein einem einsturzgefährdeten Zustand. Zu recht regt sich deswegen am Bauzaun zum Ausdruck gebrachter sanfter Bürgerprotest in Form von Traurigkeit.




Straßenseitige Ansicht der Sachsenburg 2016






Hinterhofansicht der Sachsenburg 2016






Bürgertrauer über den Zustand der Sachsenburg 2016




Der Freistaat Sachsen und der Bund haben lt. Wikipedia im Dezember 2015 ca. 7 Mio. Euro zur Sanierung bereitgestellt. Das Schloss soll dabei neben der historischen Stätte auch zu einem Bildungs- und Kongresszentrum ausgebaut werden. Man darf dabei gespannt sein, ob bei diesen Maßnahmen ähnlich wie bei der Vermarktungsstrategie des Schlosses in Colditz bestimmte Aspekte der Historie der Sachsenburg und insbesondere seiner Mühle, die sich später zu den Sachsenburg-Werken entwickelte, ausgespart werden, weil bestimmte unerfreuliche Perioden der Geschichte lieber verdrängt als aufgearbeitet werden. Dieser Eindruck drängt sich mir umso stärker auf, da sich mir bei meinem Besuch in Sachsenburg kaum Anhaltpunkte boten, dass die Erinnerung an die Stätte der Sachsenburg-Werke als Standort eines Konzentrationslagers, abgesehen vom bestehenden DDR-Erbe, von offizieller Seite aktiv aufrecht erhalten wird.




Mahnmal des Konzentrationslagers Sachsenburg



Im Außenbereich des Werksgeländes der Sachsenburg-Werke, sowie auf dem Innenhof gibt es abgesehen vom Mahnmal heute kaum offizielle Hinweise, wie und wo die Schutzhäftlinge dort gelebt hatten. In einem der Nebengebäude an dessen Fenstern groß Vermietungsangebote angeklebt waren fand ich eine kleine Ausstellung mit Postern und Dokumentationen, die sich vermutlich mit dem Thema Konzentrationslager beschäftigen. Es bedurfte schon eines indiskreten Blickes durch das Fenster, um dies festzustellen, da es ringsherum kaum Zeichen oder Hinweise existierten, die auf diese Ausstellung aufmerksam machen würden.

Bei der Begehung des Werksgeländes und beim Besuch der Webseite der Sachsenburg-Werke wird offensichtlich, dass der Eigentümer, wer auch immer das sein mag, bestrebt ist, die auf dem Werksgelände befindlichen Objekte als Wohnungen und Gewerbeflächen zu verkaufen, bzw. zu vermieten. Ich kann nicht einschätzen, ob es von offizieller Seite Bestrebungen gibt, das Andenken an die Zeit, als Sachsenburg eines der ersten Arbeitslager in Deutschland war, aufrecht zu erhalten und es bedarf einer genaueren Recherche herauszufinden, ob es Pläne oder Strategien gibt, dies zu tun. Die Ausstellung über das KZ auf dem Werksgelände machte eher den Eindruck als hätte sie ihre Existenz dem Engagement privater Personen zu verdanken, denen das Gedenken an diese Zeit am Herzen liegt. Sie trug keinen offiziellen Charakter.

Für mich steht fest, dass ich in bälde dort noch einmal hinfahren werde, um mir die Ausstellung genauer anzuschauen und herauszufinden, ob dort Informationen über meinen Großvater zu finden sind. Nebenbei würde mich auch interessieren, wie das Andenken an die Konzentrationslagerstätte aufrecht erhalten wird, ob dies von offizieller Seite getragen wird, oder ob sich dies allein auf privates Engagement hin ergibt.

Ich habe von diesen kurzen Erlebnissen in Colditz und Sachsenburg einen kleinen Kurzfilm zusammengestellt, den ich hier einbetten möchte.




Kurzfilm Auf den Spuren Walter Trautzschs - Colditz und Sachsenburg




Es grüßt Euer
Thomas Trautzsch

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Thomas Trautzsch   
Jacob-Michelsen-Str. 3, 07749 Jena

CONTACTS
Email: thomas.trautzsch@ars-inveniendi.com
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