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Die Töne vom Saxofon

von Evdokija Scheremetjewa
2016-05-02
Marx und Engels Iwan und Andrej

Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Grodskij

Als ich drei Jahre alt war, lasen mir Iwan und Andrej abwechselnd Bücher vor. Mama zahlte ihnen dafür zwei Kopeken pro jede vorgelesene Seite. Die Jungs hatten die Situation schnell durchschaut und fingen an, mir jede zweite Seite vorzulesen. Ich konnte deswegen nichts verstehen und diese Dreckskerle hatten an mir ganz gut verdient.
Aber ich blieb nicht lange ungerächt. Als ich vier war, schleuderte ich nach Iwan einen Skistock. Es gelang ihm auszuweichen und der Stock blieb in der Wand stecken. Andrej behauptete später, dass es ein Messer war, aber, wie ich denke, das war eine Lüge, während der Skistock in der Familiengeschichte für immer blieb. Wobei man in meinem Fall nicht ganz sicher sein kann, dass die Messertheorie nicht stimmte.
Wir schlugen uns tot, aber sie waren Götter für mich. Ich lief ihnen wie ein Schwänzchen hinterher und träumte davon, dass sie mir einen Blick zuwarfen. Ok, hier habe ich wohl etwas übertrieben. Ich schlug mich nur mit Andrej. Iwan konnte mir nie etwas antun. Er hatte Mitleid mit mir und ich nutzte das schamlos aus. Der Altersunterschied war damals unüberwindbar und die schreiende Kurze konnte ihnen unter keinem Aspekt interessant sein.
Sie hatten mich auf jede erdenkliche Weise schikaniert. Sie hängten mich mit dem Kopf nach unten, versteckten meine Sachen in den weitesten Ecken in Kleiderschränken etc. Die Rache ließ nicht lange auf sich warten. Im Endeffekt erreichte Mutters Strafe uns alle.
Eine der schrecklichsten Strafen für die Jungs war, mich auf den Schultern zu tragen. Ich biss sie schrecklich. Man nannte mich Piranha. Eine meiner Freundinnen, drei Jahre älter als ich, sagte über unser erstes Treffen: „ein schlimmeres Kind habe ich nie im Leben gesehen.“
Eines Tages saß ich mit meinen Brüdern in der Küche und sie begannen plötzlich auf mich mit Fingern zu zeigen und zu grinsen. Ich verstand nichts und kaute mein Butterbrot weiter. Oder war das kein Butterbrot, sondern etwas anderes. Ich kaute immer etwas.
Also, sie glotzten mich an und zwinkerten einander mit den Augen.
- Was, was ist los?!
Ich fing schon an, meine Klauen zu schärfen.
- Sie hat eine Schabe gegessen. Hast du es gesehen?
- Ja, ich habe es gesehen. Genau! Jetzt ist sie erledigt.
- Was wird jetzt mit mir?
- Sie hat sich bei dir eingenistet. Jetzt hast du ein Problem. Sie wird dich von innen auffressen.
- Wie das? Was soll ich jetzt tun?
Erschrocken lief ich in der Küche herum.
- Du wirst auf uns hören müssen, alles tun, was wir dir sagen. Sonst wird sie dich zerfressen. Das ist so eine spezielle Schabe.
Ich heulte dann den ganzen Abend, weil ich auf sie nun hören musste. Ich behielt das Geheimnis einige Tage und litt entsetzlich, dass jetzt ein fremdes Leben in mir war. Ich bin nicht sicher, dass die Jungs eine Stunde später sich noch an die Schabe erinnerten. Ich lauschte aber meine innere Schabe, versuchte diese Bestie zu besänftigen, damit sie nicht blutrünstig war und mich verschonte.
Im Februar 2015 wurde Evgenij Ischenko getötet. Er war damals stellvertretender Bürgermeister von Perwomajsk.

Mit ihm kamen mehrere Helfer aus Moskau um. Wir mussten an dem Tag ankommen, aber verspäteten uns wegen einem Straßenunfall. Das Handy habe ich nicht mitgenommen und Iwan dachte, ich war unter den Toten.
Er konnte unsere Mutter nicht erreichen. Er rief die ganze Nacht meinen Mann an, aber der hatte das Telefon ausgeschaltet.
Später erfuhr ich, in dieser Nacht hatte Iwan sein Lieblingssaxofon zerbrochen.
Auf dem Foto sind Andrej und Iwan.

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