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Littlehirosima: Sie sind auch Menschen

von Evdokija Scheremetjewa
2015-09-06
Littlehirosima: Sie sind auch Menschen

Das Original wurde von Evdokija Scheremetjewa geschrieben und auf ihrem littlehirosima livejournal blog veröffentlicht; aus dem Russischen in das Englische übersetzt von J.Hawk (at Fortruss.blogspot.de); aus dem Englischen in das Deutsche übersetzt von Thomas Trautzsch

Wir fahren weiter zum Hospital-Kampus. Wir folgen einem rennenden Mann, der uns zeigt, wo es lang geht. Als ich ihn laufen sah, dachte ich, das etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Doch Senja, der müde war von der vielen Fahrerei, Tragerei beim Einkaufen und Aufladen, fuhr ihm einfach nach. Wir fuhren im Kreis herum und in der Zwischenzeit begannen sich die Leute zu versammeln.

"Habt ihr Zigaretten?"

Sie liefen direkt neben dem Auto her, doch wir suchten nach dem Eingang und konnten nicht anhalten, um zu antworten. Eine große Frau in weissem Kittel sitzt auf einem Stuhl neben Haushaltsgebäude.

"Seid ihr von der Leichenhalle?"
"Nein, wir bringen Humanitäre Hilfe."
"Dann müsst ihr da lang."

Sie zeigt uns die Richtung, genau entgegensetzt unseres bisheringen Weges.
Das Lotikowo Psycho-Neurologische Betreuungsheim liegt auf dem Weg nach Pervomaisk. Ich erinnere mich nur zu gut an diese Straße. Kurven, Brücken, eine Kirche um die Ecke.

"Könnt ihr dem Heim helfen?"
"Was braucht ihr?"
"Alles... wir haben bis nur zweimal im Jahr Hilfe geliefert bekommen. 'Ärzte ohne Grenzen' im Mai und dann von einer Organisation von Freiwilligen aus Lugansk. Und das war's. Man hat uns vergessen ... Nur Büchsenfleich und Getreide aus den Lagerhäusern der Volksrepublik Lugansk..."



Julia Petrowna Melentjewa, die verantwortliche Leiterin des Heims stellte sich als eine junge gutaussehende Frau heraus.

"Na los, ich zeig Euch wo was ist."
"Sollen wir vielleicht vorher alles abladen?"

Das Heim ist groß und hat viele "Studenten". Man kann nur Männer draußen sehen. In allen Altersstufen. Während wir sprachen, umringten sie uns von allen Seiten.

"Können wir ein Foto machen? Können Sie ein Bild von mir machen?"

Fast jeder trat an uns heran und fragte uns nach Geld, Zigaretten oder Süssigkeiten. Und jeder begann zu posieren sobald sie unsere Kamera bemerkten. Es gab eine allgemeine Aufregung.



Im nächsten Moment fand ich mich inmitten eines Bienenstocks wieder.

"Kannst du uns die Fotos zeigen?"

Und sie sind glücklich, wie kleine Kinder, als sie sich selbst in dem winzigen Display sehen, obwohl es schien, das der Vorgang selbst viel interessanter für sie war.

"Kannst Du noch ein Foto machen?"
"Evdokija, komm lass uns gehen. Sonst lassen sie uns nie los."

Ich habe nie solch echte Freude und Glück gesehen. Nein, das ist nicht wahr, ... ich sah etwas Ähnliches, als wir Eiskrem in ein Waisenhaus brachten.



Das Heim beherbergt Menschen mit verschiedenen Krankheiten. Schizophreniker, Eppileptiker, Männer und Frauen, die älter sind als 18 Jahre und an einer Vielfalt mentaler und physischer Gebrechen leiden. Ein breites Spektrum. Von vollständig bettlägerigen bis bis hin zu fast normalen Menschen.

"Wir haben viele Kinder aus dem Heim in Krasnodon."

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Das war mein erstes Waisenhaus. Dort war es das erste Mal, dass ich Kinder mit solchen Krankheiten gesehen habe. Der erste Schock.

"Wir kennen dieses Heim gut. Wir haben ihnen mehrmals Hilfsgüter gebracht."

Und ich schaue in Kindergesichter, die ich nie vergessen werde. Besonders jene Kinder, die mental gesund sind, aber an physischen Gebrechen, wie z.B. zerebraler Kinderlähmung leiden. Diese Kinder sind vom Schicksal getroffen.

Behinderte Kinder, die das 18. Lebensjahr erreichen und nicht für sich selbst sorgen können, werden in Pensionsheime gebracht, wie Lescha zum Beispiel. Wenn sie mentale Krankheiten haben, landen sie in Psycho-nerologischen Zentren, wie diesem.

Viele von ihnen sind absolut friedlich und nicht aggressiv. Sie sind niedlich und freundlich, wie Kinder. Die Merzahl von ihnen nimmt aktiv am Heimleben teil.

Sie haben all die Nahrungsmittel von selbst abgeladen, ab da hatte ich verstanden, warum nur Männer draußen zu sehen waren.

Einige haben sich so angestrengt, dass ihnen auf dem Weg das Gemüse herunterfiel.



Die Arbeiter umringten die Mengen an Nahrungsmitteln.

"Hühnchen??? Paprika? Karotten? Kartoffeln? Butter? Wow, Tomatenpaste"

Die Frauen waren hellauf begeistert. Fast alle Hilfsgüter setzen sich normalerweise aus Zerealien, Pasta und kondensierte Milch zusammen, aber nie aus frischen Lebensmitteln. Deswegen haben wir uns entschieden frische Güter zu liefern.

"Nicht schlecht. Und was ist in diesen Kisten?"
"Zahnpasta, Zahnbürsten, Schampoos, Tupfer, Krems, Rasierklingen ... alles, wonach ihr gefragt habt. Und es gibt Puder, Reinigungsmittel, Unterwäsche ..."

Die Arbeiter wussten nicht, was sie sagen sollten. Das ist keine Übertreibung. Dann gab es eine stille Pause.

Es sind diese Menschen, die in Notfällen die geringste Aufmerksamkeit bekommen. Jene die mental krank sind, asozial und unfähig sind, als normaler Teil der Gesellschaft zu funktionieren. Aber sie sind auch Menschen. Viele von ihnen sind Verwandte von jemandem, - Kinder oder Geschwister.



"Hier sind Windeln für Erwachsene, sollen wir sie verteilen?"
"Ernsthaft? Es riecht wirklich schlimm dort."
"Das ist okay, wir sind daran gewöhnt."



Es ist nicht der erste Ort, an dem wir nach den Bettlägerigen schauen, aber es war bis jetzt der sauberste, den wir besucht haben. Sich um die Bettlägerigen zu kümmern ist eine extrem schmerzhafte und schwere Arbeit. Sie leiden an wundgelegenen Stellen, Hautwunden und -problemen.



Fast alle von ihnen hatten keine Windeln und lagen auf Mehrfach-Bettlagen. und Ölwäsche.

"Wie kommt ihr zurecht?"
"Was meinst Du? Wir waschen sie."
"Was ist mit den Reinigungsmitteln?"

Alle lachten. Ein Lachen des Schicksals.

"Es ist schrecklich. Wir haben fast keine."

Reinigungsmittel sind ein Problem. Man muss zugeben, dass das Heim in Krasnodon und alle Pensionsheime das gleiche Problem haben. Sie fragen nicht nach Nahrungsmitteln, oder Süssigkeiten, sondern Reinigungsmittel. Und natürlich Wegwerfwindeln.



"Was ist mit Medizin?"
"Wir haben keine. Wir haben Aspirin, Fiebermittel Aber wir bräuchten auch einfache Präparate, die wir einfach nicht haben. Man kann sie nicht im Donbass finden. Einige benötigen sie ständig und täglich."

"Wie kommt ihr dann zurecht?"

Sie lachten wieder, mit einer noch größeren Note des Galgenhumors.

"Irgendwie schaffen wir das. So ist das Leben."



Als wir wieder los wollten, wurde ich von mehreren Männern angesprochen. Einer fragte mich, ob ich Zigaretten hätte.

"Nein"
"Schade, ich würde wirklich gern eine rauchen."
"Wie wär's mit einem Foto?"
"Okay!"

Sie lächelten und waren froh. Sie wussten nicht, was um sie herum passierte, waren aber besorgt. Sie sind Menschen, nur ein wenig anders. Mit echten und ernsthaften Emotionen. Und viele von ihnen sind bessere Menschen als einige meiner Bekannten, die eine höhere Bildung und prestige-trächtige Jobs haben. Ich bin mir bewusst, dass dieser Eintrag nur von einer kleinen Menge meiner Facebook-Freunde und -leser gelesen wird. Weil es das Schicksal von Menschen mit abweichenden Ansichten ist, von allen anderen am wenigsten beachtet zu werden. Menschen, wie dieser Männer, die glücklich sind, ihre eigenen Bilder auf dem Telefon zu sehen, erregen die wenigste Aufmerksamkeit. Menschen sind von Geschichten über Kinder oder junge Mädchen gerührt, die ihr Leben noch vor sich haben. Ich denke, ich bin auch so. Sie mögen Süßigkeiten, die sie nie bekommen, einige mögen es zu rauchen, und die meisten würden niemals jemand anderem in ihrer Nähe etwas zu Leide tun.
Der Krieg ist um sie herum, aber sie haben nichts, wo sie hingehen können, wenn die Kämpfe wieder losbrechen.



Wenn ihr euch der Hilfe für die Menschen im Donbass anschließen wollt, hier ist das Paypal-Spendenkonto: 19232@mail.ru. Screenshots von Zahlungseingängen sowie Berichte über Hilfe werden in der Gruppe Humanbataillon Donbass regelmäßig gepostet.

Wer einen Brief oder eine Postkarte oder eine Zeichnung an Altenheimbewohner im Donbass schreiben möchte, bitte entweder scan oder Foto des Briefes an mich über Facebook oder meine E-Mail littlehirosima@gmail.com schicken oder an die Postadresse von Alexander Grodskij in Deutschland: Trierer Str. 61; 50674 Köln.

ADDRESS
Thomas Trautzsch   
Jacob-Michelsen-Str. 3, 07749 Jena

CONTACTS
Email: thomas.trautzsch@ars-inveniendi.com
Phone: +49 157 59 23 8449

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