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Vika, gute Besserung!

von Evdokija "Dunja" Scheremetjewa
2015-08-21
Vika, gute Besserung!

von Evdokija Scheremetjewa

Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Grodskij

Als wir im Mai Vika zum ersten Mal begegneten, erlebte ich einen Schock. Seitdem ist schon so vieles passiert. Wir organisierten für sie mehrere Krankenhausaufenthalte. Das Mädchen wollte wieder leben. Wir setzten einen langwierigen und gefährlichen Prozess der Wiederherstellung ihrer Sehkraft in Gang.

Das Mädchen… Das Mädel! Eine schöne junge Frau.
Als wir im Juli wieder in Lugansk angekommen sind, schmerzte mir das Herz. Ich fürchtete mich vor unserem neuen Treffen. Ich sah die Fotos von ihr, sprach mit ihr oft am Telefon. Aber…

Unbewusst fürchtete ich mich vor dem Mädchen, das nicht mehr leben wollte und ins Leere blickte; vor dem Mädchen, das sich schon aufgegeben hat, das zu Hause saß und nicht einmal nach draußen ging. Es war so unheimlich, die Lebensabendstimmung und den Gleichmut in so einem jungen Körper zu beobachten…
Als wir nun das Haus, in dem sie wohnt, anfuhren, schlürfte vor uns ein junger Mann schnell durch die Tür.
„Evgenij, weißt du, wer das ist?“
„Ich weiß es nicht.“



Wir gehen durch die Schlupftür und sehen auf der Außentreppe die gutaussehende, rotwangige Vika. Zu ihr kommt ein junger Mann. So eine Überraschung. Als er uns sieht, tritt er verlegen zur Seite.

Vika, Liebes, wir sind das, Dunja und Evgenij. Wir sind endlich aus Moskau zu dir gekommen. Und wer ist das hier?))
„Oh, Dunja! Ich grüße Sie!“
„Was für ein „Sie“?! Wir duzen uns doch, ich werde sonst schimpfen. Was ist das hier für ein junger Mann? Erzähl mal schnell.“
„Das ist Vadim, er ist zu mir zu einem kurzen Besuch gekommen.“ Alle lachen.

Dass Vika einen Freund hat, erzählte uns schon damals ihre Mutter. Sie sagte, er war mit seiner Familie fast direkt nach dem Kriegsbeginn von Lugansk nach Russland geflohen. Er war die ganze Zeit mit Vika über Skype im Kontakt. Aber als Vikas Bruder starb, begann Vika sehr schnell ihr Augenlicht zu verlieren. Sie konnte daher nicht mehr selbsttätig übers Internet kommunizieren.
Jetzt im Augenblick kann sie nichts sehen.
Und sie hatte auch Angst, sich ihm so zu zeigen. Nach dem Verlust der zwei Vorderzähne verschloss sie sich und scheute sich vor den Menschen.



Direkt auf der Außentreppe übergab ich Vika ein Paket von Katja, einer wunderbaren jungen Frau aus England, der diese Geschichte auch sehr zu Herzen ging.
„Vika, hier ist ein Stoffhase. Katja hat ihn für dich selbst genäht. In ihn hat sie ein Herz eingenäht. Sie hat den Stoffhasen speziell für dich gemacht.

Vika presst die Puppe zusammen und beginnt sie durchzutasten. Ein Lächeln verlässt nicht ihre Lippen.

„Und dieses Armband hat die Tochter von Katja gemacht. Ich trage auch ein ähnliches auf der Hand – meine Tochter hat es für mich angefertigt.

Ich nehme Vika an der Hand und lasse sie das Armband berühren.
„Ein Freundschaftsband! Und ein so interessantes!“
„Aus Gummi! Die Kinder sind gerade ganz verrückt nach diesen Gummibändern. Zieh es an.“
Vikas Lächeln wird noch breiter.
Vadims Lächeln auch.

Eine ganze Kiste atemberaubender Mädchengeschenke. Lippenstifte, eine Damentasche, kleine Portemonnaies, Armbände, Schale. Alles so lebenswichtig! Ein Schlüsselanhänger in Kirschenform...

Ich nehme Vikas Hand in meine und lasse sie all das berühren, erzähle ihr im Detail, was in der Kiste ist.
Sie versucht jede Sache abzutasten, fragt nach den Farben. Drückt die Sachen an sich.



„Und das ist ein Bild. Bald wirst du es selbst sehen. Es wurde auch von Katja gemalt. Und hier ist ein Tränchen bei einem Mädchen auf dem Regenbogen. Katja hatte es zufällig eingesetzt, wollte es wegwischen, aber es klappte nicht. Der Regenbogen aus den Händen einer schönen jungen Frau… Und drum herum viele kleine Herzchen.
Vika kann es nicht glauben. Sie streichelt mit den Händen über das Papierblatt und versucht, diese Güte und Wärme zu sehen, die man ihr aus einem fernen Land geschickt hat.
„Ich sehe, wie schön das ist.“
„Vika, das ist atemberaubend schön.“
Alles war in diesem Momen sehr schön. Die Außentreppe. Vika. Vadim. Und diese Geschenke.



Und außerdem habe ich für dich Postkarten aus Australien.
„Oh, mein Gott!“
„Sie hat eine Frau geschickt, die im Donbass geboren wurde und deine Geschichte gelesen hat. Sie möchte dir von ihrer neuen Heimat erzählen. Ich lese es dir vor.
Vika hört aufmerksam zu. Wir alle sitzen auf dieser Außentreppe – Australien, England, Stoffhasen, Vikas verlorenes Sehvermögen… Und immer dieser Krieg. Dieser Krieg…


„Jetzt Vika habe ich noch eine Nachricht für dich. Mein Artikel über dich wurde ins Deutsche übersetzt und auf einer Facebookseite gepostet, die der Hilfe an Kriegsopfer im Donbass gewidmet ist.
Und deine Geschichte sprengte das Internet.
Deutsche haben angefangen mir das Geld zu schicken, wer was konnte, und wir haben eine anständige Summe angesammelt. Für dieses Geld haben wir für dich Insulin, Teststreifen, Infusionsnadel und andere Medikamente für ein halbes Jahr in voraus gekauft.“



Wir hätten auch noch mehr gekauft, aber das Mindesthaltbarkeitsdatum hat uns aufgehalten.
Einen besonderen Dank möchte ich Evelin und Mathias sagen für ihre Hilfe beim Geldsammeln, bei der Veröffentlichung und Verbreitung des Artikels, für das Mitleid mit dieser jungen Frau. Und noch einen besonderen Dank an alle nicht gleichgültige Menschen, die das Geld gespendet haben.

„Vika, verstehst du? Verstehst du, was passiert?“
Das Leid vereinigt die Menschen.
Das haben dir Leute geschickt, die nicht einmal unsere Sprache sprechen. Fast jede Überweisung war mit dem Satz verbunden: Vika, gute Besserung!“



Vika und Vadim begleiteteten uns bis zum Auto und hielten sich an den Händen.

Vika war richtig aufgeblüht.

Beim letzten Mal hatte sie nicht einmal bis zur Tür gehen können.
Und einen Tag später rief mich Vika an und sagte, dass sie furchtbare Schmerzen im zweiten Auge hat.
Wir brachten sie zum Arzt und fast gleich wurde sie ins Krankenhaus zur Operation auf dem linken Auge aufgenommen.

Ich erinnere euch, dass man ihr vor einem Monat das rechte Auge operierte, um den Innendruck zu stabilisieren. In einem Monat war die Behandlung mit Lucentis zur Wiederherstellung der Sehkraft geplant. Aber diese Operation ist nun wegen der dringenden außerplanmäßigen Operation aufgeschoben. Die Schmerzen sind unerträglich geworden.



Die Operation ist gut verlaufen und wir sind bald danach bei ihr im Krankenzimmer vorbeigekommen. Am Morgen des nächsten Tages mussten wir schon nach Moskau fahren. Aber ich wollte sie noch einmal vor der Abreise sehen.
„Vika, du, halte durch! Halbe Europa und Australien fiebern schon mit dir mit. Du musst durchhalten und gesund werden. Alles hängt nur von dir ab. Wir können nicht die Leute im Stich lassen, die sich um dich Sorgen machen!))




Jetzt die Berichte. Ein Teil der Medikamentenquittungen:



Ein besonderes Dankeschön geht an Tanja Anikina, die uns auf schnellstem Wege per Bus die Teststreifen geschickt hat. Dank auch an Sergej Beglow, der uns geholfen hat, alles zu finden und zu kaufenb, was wir benötigten. Auch Dank an Alexej, der uns Insulin für 10000 Rubel gekauft und es uns überbracht hat.
Danke noch einmal an alle - die EInkäufe, Lieferungen, Suchen - all das braucht eine Menge Zeit und solche Hilfe ist von unschätzbarem Wert. Ich verliere kein Wort über meine grenzenlose Dankbarkeit für Senja und Lena, ohne die es all das nicht geben würde. Und natürlich unsere Senja aus Moskau, die im Moment meine rechte Hand ist. (Während ich reise hilft sie in allen Dingen aus.)



Lena, unsere Helferin in Lugansk, kauft für das Geld, das wir für Vika übergeben, regelmäßig Lebensmittel ein. Man führt ein dickes Heft mit den Einträgen, was für Vika gekauft wurde. Alle Seiten in diesem Heft werden von ihrer Mutter unterschrieben.
In Wirklichkeit hat sich Vikas Zustand wegen der Normalisierung der Ernährung verbessert – frisches Obst, Gemüse, Fleisch und Milch – ohne all das ist es schwierig, Zuckerwerte in der Norm zu halten, auch wenn es gutes Insulin gibt.



Wir drücken die Daumen und warten auf die nächste Operation.
Die Ärzte geben keine Garantie, aber es gibt Hoffnung. Es wäre so toll, ihr das Augenlicht zurückzugeben…
Das ganze Leben hat sie noch vor sich.

Das ist der Auszug aus der Krankheitsgeschichte nach der vorherigen Operation.



In Wirklichkeit tut mir nur das eine leid. Dass wir Vika nicht früher getroffen hätten. Wir hätten wohmöglich ihren Bruder gerettet...


Wenn ihr euch der Hilfe für Vika und andere Menschen im Donbass anschließen wollt, hier ist das Paypal-Spendenkonto: 19232@mail.ru. Screenshots von Zahlungseingängen sowie Berichte über Hilfe werden in der Gruppe Humanbataillon Donbass regelmäßig gepostet.


Achtung: Es sind jetzt Betrüger im Internet unterwegs – eine russisch-orthodoxe Stiftung „Vsem mirom“ (etwa - Alle gemeinsam), die mein Material ins Nezt gestellt und ihre eigene Bankverbindung gegeben hat. Das sind Betrüger! Hier ist ein Link zu ihnen. - http://vmirom.fo.ru/blog/188462_Общие/506392_Вика%2C_живи%21

Der Spendenaufruf dieser Betrüger ist schon seit drei Monaten online und wir können nichts dagegen machen. Ich vermute, sie sind nicht die einzigen. Vergisst nicht – ich veröffentliche keine Kontendetails.

ADDRESS
Thomas Trautzsch   
Jacob-Michelsen-Str. 3, 07749 Jena

CONTACTS
Email: thomas.trautzsch@ars-inveniendi.com
Phone: +49 157 59 23 8449

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