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LittleHirosima: Einfach nur Pralinen

von Evdokija "Dunja" Scheremetjewa
2015-08-20
LittleHirosima: Einfach nur Pralinen

Von Evdokija "Dunja" Scheremetjewa

Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Grodskij


„Veanida! Was für ein schöner Name! Und ein ungewöhnlicher!
Das ist Veanida Tschizhikova, geboren 1931. Zuerst kommt es einem so vor, dass sie nichts versteht. Aber dem ist nicht so. Sie verhaspelt sich, mit Tränen in den Augen versucht sie etwas zu sagen. Sie versteht alles, aber es fällt ihr sehr schwer zu sprechen.
„Ich weeeeeiß.“
Sie bemüht sich mit aller Kraft zu sprechen.
„Ich habe auch einen seltenen Namen! Ich bin Dunja.“
„Meine Großmutter war Dunja – Evdokija.“



„Veanida, möchten Sie eine Praline?“
„Ich kann die Hände nicht heben.“
„Kein Problem. Ich gebe sie Ihnen!“
Ich reiche ihr die Praline vor den Mund, sie regt sich auf und beginnt zu weinen. Die Pflegerin kommt zu ihr und streichelt sie über den Kopf. Wir gingen aus dem Zimmer und sie weinte und weinte. Die Flure im Altenheim sind lang, unendlich lang. Und immer geradeaus. Du versackst in ihnen wie im Kaugummi. Krankenzimmer, Krankenzimmer, Rollstühle, Gehhilfen.
Und der Geruch – dieser Geruch lässt sich nicht beschreiben.



Eine freundlich aussehende Babuschka kommt uns entgegen.
„Katja, willst du Pralinen?“ Die Pflegerin stellt uns Katja Starych vor, geboren 1927. „Sie ist unsere Naschkatze.“
Wir betreten ihr Zimmer.
Katja ist nicht bettlägerig, sie ist noch voller Energie. Aber sie hört schlecht. „Möchtest du eine Praline? Soll ich die Folie für dich abziehen? Und hier ist noch eine ganze Tüte Süßigkeiten für dich.“
„Oh mein Gott!!!!! Ist das alles für mich?“
Als wir rausgingen versteckte Katja die Tüte mit Süßigkeiten unter das Kopfkissen.



Unweit von Katja liegt Klawa Musenitsch.
„Klawa, wie alt bist du?“
„Ich erinnere mich nicht. 90? 93?“
„Tatsächlich 93!? Wir haben für dich Pralinen und Printen mitgebracht.“
„Klawa“ streckt die Hände zu der Tüte mit Süßigkeiten aus.
Die Pflegerinnen duzen alle Alten und sprechen sie nur mit dem Kurznamen an. Also „Klawa“ statt „Klawdija“ und erst recht keine Vatersnamen.
Ich hole einen Keks heraus und reiche ihn ihr. Sie bricht ihn rasch auseinander und beginnt zu kauen.
„Sie ist vielleicht hungrig.“
„Wir haben ihnen gerade zu essen gegeben!“
Fast alle Alten beginnen sofort, die Süßigkeiten zu essen, strecken die Hände danach aus. Einige versteckten die Süßigkeiten gleich unter Matratzen und Kopfkissen.



Krankenzimmer nach Krankenzimmer. Endlose Einsamkeit. Wundliegen, Krankheiten, offene Wunden. „Ach, viele von denen verstehen gar nichts.“ DAS ist nicht wahr. Viele nehmen dich bei der Hand, greifen wie nach einem Strohhalm. Und sie sehen dir in die Augen. Manchmal denke ich, dass sie sich nicht so sehr über Pampers und Pralinen freuen, sondern darüber, dass man sich an sie erinnert. Dass man einfach mit ihnen spricht. Jedem sollte man mindestens ein paar Minuten Aufmerksamkeit geben und sie leben wieder auf. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Aber ich sehe, dass sie verstehen, warum wir gekommen sind. Auf einer inneren tiefen Ebene.

Stantscho, Anastasija, geb. 1925.


Sie leben in ihrer eigenen Welt, mit ihren eigenen Dämonen und Teufeln. Mit KGB und Auftragskillern. Sie entschwinden manchmal dahin, weil ihr Bewusstsein auf diese Weise versucht, sich vor der Realität zu verstecken, die schrecklich ist. Einige leben ganz in der Vergangenheit und bleiben dort. Viele verstehen gar nicht, wo sie sind. Das ist Überlebensinstinkt. Wenn das Gehirn die Realität so umbaut, dass man dorthin weiter leben kann. Und ja, sie brauchen Zuwendung. Die ist für sie absolut notwendig.

Wasilewskij, Viktor, geb. 1953.



In den Kriegszeiten sind Altenheime und Hospize am schlimmsten betroffen. Denn ihre Bewohner sind quasi schon auf der Zielgeraden. Deswegen sind ihre Chancen, Pampers, Windeln und Haushaltsartikel zu bekommen, ganz gering. Im Menü sind nur Dosenfleisch und Grützen. Von Obst und Gemüse kann keine Rede sein. Als wir dort waren, hatten sie Brei aus der Buchweizengrütze, in der man Dosenfleisch nicht erkennen konnte. Auf den Fotos sind geöffnete Pamperspackungen zu sehen. Ich werfe niemandem etwas vor. Aber es ist besser, niemanden in Versuchung zu führen. Es gibt verschiedene Arbeitskollektive. Ich kenne Fälle, wo Mitarbeiter gespendete Pampers einfach weiter verkauften. Denn sie kosten hier gar nicht so wenig. Deswegen öffnen wir die Packungen direkt an Ort und Stelle.

Titorenko, Maria, geb. 1936


Lewinskij, Viktor, geb. 1940


Hriplivyj, Nikolai, geb. 1928


Belozerova, Anna, 1938.


Gejma, Marija, geb. 1936


Bondarenko, Oleg, 60 Jahre alt


Barwa, Iwan, geb. 1938


Dolgaja, Olga, geb. 1931


Pokladok, Valentina, geb. 1935


Vojewodin, Valerij,


Kolobrodov, Viktor, geb. 1938


Zotov, Gennadij, geb. 1946


Glicenko, Lida, geb. 1950


Mihajlenko, Marija, geb. 1924




Es gibt nichts Schlimmeres, als unter diesen Umständen alt zu werden. Wenn du leise dahinstirbst und niemand dich braucht… In meinem letzten Beitrag über dieses Altenheim in Rowenki schlug ich vor, Briefe und Postkarten an die alten Menschen zu schreiben. Also wenn ihr euch dazu entschließt, schreibt mir. Wir werden uns schon etwas einfallen lassen.


Wenn ihr euch der Hilfe für die Menschen im Donbass anschließen wollt, hier ist das Paypal-Spendenkonto: 19232@mail.ru. Screenshots von Zahlungseingängen sowie Berichte über Hilfe werden in der Gruppe Humanbataillon Donbass regelmäßig gepostet.


Wer einen Brief oder eine Postkarte oder eine Zeichnung an Altenheimbewohner im Donbass schreiben möchte, bitte entweder entweder scan oder Foto des Briefes an mich über Facebook oder meine E-Mail littlehirosima@gmail.com schicken oder an die Postadresse von Alexander Grodskij in Deutschland: Trierer Str. 61; 50674 Köln.

ADDRESS
Thomas Trautzsch   
Jacob-Michelsen-Str. 3, 07749 Jena

CONTACTS
Email: thomas.trautzsch@ars-inveniendi.com
Phone: +49 157 59 23 8449

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