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Ich warte auf Deine Antwort!

von Evdokija Scheremetjewa
2015-08-06
Ich warte auf Deine Antwort!

Von Evdokija Scheremetjewa

Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Grodskij

„Was lesen Sie?“
„Ich mag spanische Literatur.“
„Möchten Sie eine Praline?“
Jurij nimmt die Praline, schließt die Augen und beginnt lautlos zu weinen.




Lange Flure, verkratzte Wände, penetranter Uringeruch und endlose Einsamkeit und Schmerz.
„Haben die meisten hier noch Verwandte?“
„Ja, aber sie kommen praktisch nie.“
Während ihre Väter, Großmütter und Urgroßmütter in diesen Zimmern leise hinsterben.
Sie wandern durch die Flure wie nutzlose Geister. Niemand braucht sie. Auch sie selbst brauchen sich nicht.
Aus diesem Ort möchte man fliehen. Man möchte von hier auf die Straße an die frische Luft ausbrechen.
Du willst es einfach nicht glauben, dass es solche Orte noch gibt.
Aber es gibt sie.



Sie sind neben uns, und wir sind selber schuld an ihrer Existenz.
Wir sind jene, die unsere Eltern in Altenheime abgeben.
Und dann unser eigenes Leben führen, eigene Sachen erledigen, Kinder großziehen.
Und ihr Leben ist schon vorbei. Verflogen. Ihr seid ihr Leben.
Und ihr erinnert euch nicht einmal an ihre Existenz.



Das ist nicht das erste Altenheim, das wir während dieser Donbass-Fahrt besuchten.
Aber überall, unabhängig von den jeweiligen Lebensbedingungen, werden Altenheimbewohner von dem Gefühl der tiefen Einsamkeit gequält.
Und der Krieg hat ihnen den letzten Stoß gegeben, nahm ihnen die Möglichkeit der normalen Pflege und Versorgung weg.
Sie ernähren sich nur mit Dosenfleisch und Brei. Jedem Alten haben wir ein kleines Päckchen mit Süßigkeiten gegeben. Fast jeder hat es sofort geöffnet, begann zu essen, versteckte es unter das Kopfkissenn. Und weinte...
Die PflegerInnen freuen sich über jede Packung Pampers.
Denn sonst – Tücher, Gummiunterlagen, Wundliegen, endlose, nicht heilende und sich verfaulende Wunden.
Und Geruch, Geruch. Mitunter gibt es keine Mittel, um Bettlaken zu waschen.
Sie verwachsen mit diesem Geruch und werden mit ihm Eins.
Als wären sie so geboren. Einsam in den endlosen leeren Fluren.



Ich nehme Jurij bei der Hand.
„Und wer sind Sie von Beruf? Erzählen Sie, ist doch interessant!
Er hat einen klaren und hellen Blick. Er ist doch noch ganz jung – Jurij Loginov, geboren 1951, aber schon bettlägerig krank und kann für sich nicht mehr sorgen. Pampers und Windeln...
Er hat niemanden in dieser Welt. Zu ihm kommt schon lange keiner.
Nur Bücher sind seine Freunde.
„Ich bin Akustik-Ingenieur.“
Er ist der erste, der in diesem Haus ein Buch las. Er hat große Brille und leise Trauer.
„Woher kommt ihr, Leute?“
„Aus Moskau.“
„Ich habe zwei Cousinen in Moskau.“
Und er nennt ihre genaue Adresse bis auf die Wohnungsnummer.
Klarer Verstand, klares Bewusstsein.
„Jurij, wissen Sie was? Schreiben Sie mir einen Brief! Und ich schreibe Ihnen einen! Einverstanden? Erzählen Sie mir darin von Ihnen und ich werde Ihnen von mir erzählen. Wir werden uns schreiben?! Ich bringe Ihnen beim nächsten Mal Bücher mit!“
Jurij bedeckt seine Augen mir der Hand und beginnt zu weinen. Er weint und weint.



Ich halte es nicht aus und gehe weg. Dann komme ich zurück:
„Kann ich mich auf Sie verlassen, schreiben Sie mir bitte einen Brief? Denn wir müssen schon weiter.“
„Adresse, geben Sie mir Ihre Adresse!“
„Geben Sie den Brief den Pflegerinnen. Sie werden den mir geben. Die Post arbeitet jetzt nicht. Ich sage den Pflegerinnen Bescheid.“
Und er weint und weint.

Wir verließen ihn. Dann kamen zu uns mehrmals die Pflegerinnen und sagten, er habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt – er bat sie, ihm meine Adresse zu geben, hatte große Angst, dass sein Brief bei mir nicht ankommt.
Es sind schon einige Tage vergangen, aber er ist die ganze Zeit mit mir. Ich habe schon einen Brief geschrieben und an ihn geschickt. Nächstes Mal bringe ich Fotos, die wir in seinem Zimmer gemacht haben, und auch Fotos von meiner Tochter.
Jurij, ich warte auf Deine Antwort.



Liebe Freunde! In diesem Blog werde ich noch über viele Menschen in Altenheimen erzählen. Schließt euch dem Briefwechsel an! Lasst uns wenigstens etwas für diese Menschen tun.

Viele Altenheimbewohner werden die Briefe bekommen und nur sehr wenig verstehen, aber es gibt auch solche wie Jurij. Ich werde ihnen eure Briefe übergeben. Ich werden alles übergeben. An den Wänden dort hängen Kinderzeichnungen. Pflegerinnen sagen, dass die meisten Zeichnungen die Alten in ihre Zimmer mitgenommen haben und bewahren sie sorgfältig auf.
Die Einsamkeit zerreißt Menschen in Stücke.



Wenn ihr euch der Hilfe für die Menschen im Donbass anschließen wollt, hier ist das Paypal-Spendenkonto: 19232@mail.ru. Screenshots von Zahlungseingängen sowie Berichte über Hilfe werden in der Gruppe Humanbataillon Donbass regelmäßig gepostet.

Wer einen Brief an Jurij und viele andere Altenheimbewohner schreiben möchte, bitte entweder Scan oder Foto des Briefes an mich über Facebook oder meine E-Mail littlehirosima@gmail.com schicken oder an die Postadresse.

Kontaktieren sie mich über mein Livejournal-Konto, über Facebook oder via Email: littlehirosima@gmail.com

Alles wird geliefert, dokumentiert und berichtet.

ADDRESS
Thomas Trautzsch   
Jacob-Michelsen-Str. 3, 07749 Jena

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