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Die andere Welt

von Jewdokia "Dunja" Scheremetjewa
2015-08-02
Die Andere Welt.

Von Jewdokia "Dunja" Scheremetjewa (littlehirosima)

Original gepostet am 26. Juli 2015

Ăśbersetzt aus dem Russischen von Alexander Grodskij

Gestern waren wir in Rowenki. In einem Altenheim. Ich war auf alles gefasst. Ich wusste, dass das Haus in einem desolaten Zustand ist. Ich kannte schon das Wundliegen, den ewigen Uringeruch in der Luft, die einsamen Alten und den Schmerz.
Ich wusste, dass ich dort verkratzte Wände, uralte Medizingeräte und schwere Not vorfinde.
Ich wusste das alles, und trotzdem war ich auf Eins nicht vorbereitet.
Auf Alexej.
Alexej ist in diesem Haus ein AuĂźerirdischer.



„Wie alt bist du?“
„29.“
Er ist jĂĽnger als ich. In seinem Schlafsaal liegen sonst nur alte Menschen, von denen ein Teil schon dement ist und nichts mehr verstehen kann.
Alexej lächelt mich nett an.
„Alexej, hier sind Hemden. Außerdem Einwegwickeltücher und Süßes zum Tee.
Das Lächeln verlässt sein Gesicht. So ein sympathischer Bursche.
„Zu welchem Anlass könnte ich hier noch Hemden tragen?“
So was Dummes habe ich gesagt. Ich versuche das Gespräch zu retten.
„Darf ich mich zu dir auf das Bett setzen?“
Alexej wird verlegen. Dann lächelt er wieder breit.
„Sicher!“
„Alexej, wo bist du geboren?“
„In Brjanka. Und wie heißen Sie?“
„Dunja.“
„Einfach so ‚Dunja‘?“
„Ja, einfach so.“
Alexej Razinkov. 1986 wurde er geboren. 2011 hat er sich bei Baurbeiten die Wirbelsäule gebrochen. Das Gebäude stürzte ab. Und das war es. Das Leben ist verflogen.
Krankenhäuser, Operationen. Behinderung.



Die Eltern starben lange davor in einem Autounfall. Zum Helfen und Pflegen hatte er niemanden. FrĂĽher wohnte er im vierten Stock ohne Aufzug.
Er hat zwar noch Cousins und Cousinen, aber sie nehmen keinen Kontakt auf...
„Alexej, kommen mal deine Freunde zu Besuch?“
„Seit Kriegsbeginn ist keiner mehr gekommen. Sie sind wahrscheinlich alle weggefahren.“
Alle Menschen mit Behinderung, die keine pflegenden Familienangehörigen haben, kommen nach dem Erreichen des 18. Lebensjahrs ins Altenheim.
Wir haben solche Menschen auch hier in Rowenki getroffen.
Aber Alexej ist ein ganz anderer Fall. Noch vor vier Jahren hatte er Dates, umarmte Mädels und ging auf Partys. Außerdem arbeitete er und liebte das Leben.
Und jetzt sieht er um sich nur sehr alte Menschen, Krankheiten und den Unwillen zum Weiterleben.
„Alexej, was brauchst du?“, wir versuchen es für dich zu finden.
Alexej wird verlegen, lächelt. Ich sehe, dass er sich schämt.
„Vielleicht brauchst du Kleidung, Schuhe?“
„Ja, Schuhe brauche ich. Aber mit den Fersen ist bei mir eine Katastrophe. Sie sind eine ganze Wundstelle.“
Plötzlich macht es einen Klick in meinem Kopf – der Bursche braucht einen einfachen Computer. Und einen Internetanschluss. Das würde für ihn ein ganz anderes Leben bedeuten.
„Alexej, vielleicht könnten wir für dich einen Laptop besorgen? Ich verspreche es dir nicht, aber ich mache alles, was ich kann.“
Aber im Kopf habe ich schon die Entscheidung getroffen – ich mache alles Mögliche dafür.
Alexej ist sichtlich aufgelebt und traut seinen Ohren nicht.
„Wie ist es nun möglich. Computer. Wie? Also...“
Ich habe nicht lange neben ihm gesessen. Um uns herum wanderten alte Menschen, jemand lag im Nachbarbett und stöhnte.
Löcher im Teppichboden lenkten mich ab.
In meinem Kopf flimmerten Gedanken – ich werde aus diesem Ort weggehen, denn ich kann das.
Aber er – kann das nicht.
Dort hatte ich das GefĂĽhl in einem parallelen Universum, in einer anderen Welt zu sein. Die keiner sehen will.
Denn wenn man sie sieht und wahrnimmt, bekommt man einen Schrecken. Und es ist viel leichter so zu tun, als gäbe es diese andere Welt gar nicht.
Aber sie ist hier. Direkt neben uns.

Und da fragt Alexej, ein junger Mann mit schönen, hellen Augen:
Schenja, kannst du fĂĽr mich bitte etwas machen?
„Ja, sicher.“
Er hat sich augenblicklich unsere Namen eingeprägt.
„Kannst du uns auf mein Handy fotografieren?“
„Dann auf unser auch! Aber wir müssen alle lächeln. Anders geht es nicht.“
Und wir lächelten. Ich lächelte. Und er.
Ich lächelte, wie ich nur konnte.



Und schon nach dem Gespräch erfuhr ich, dass man Alexej bald eine Operation in Lugansk machen sollte. Er hat einige Probleme mit Wundstellen auf dem Rücken. Wir haben ihm schon versprochen, ihn hinzufahren und mit der Bezahlung von notwendigen Tests zu helfen. Das Altenheim selbst hat zu wenig Geld und Möglichkeiten dazu.
Die Einzelheiten werde ich später von der Verwaltung bekommen. Alexej selbst schämte sich, uns darüber zu erzählen. Er hat uns auch um nichts gebeten. Ich habe ihn auf meine Eigeninitiative ausgefragt.

Wenn ihr euch der Hilfe für Alexej und andere Zivilisten in Donbass anschließen wollt, schreibt mir eine persönliche Nachricht auf.


Und, wie immer ...

Wenn Sie etwas beitragen möchten, Menschen, wie Sergei Kuzenkow oder anderen bedürftigen Menschen im Donbass zu helfen, kontaktieren sie mich über mein Livejournal-Konto, über Facebook oder via Email: littlehirosima@gmail.com

Alles wird geliefert, dokumentiert und berichtet.

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