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Donbass, nimm uns auf!

von Jewdokia "Dunja" Scheremetjewa
2015-08-01
Donbass nimm uns auf!

übersetzt aus dem Russischen von Alexander Grodskij

In Lugansk herrscht eine unerträgliche Hitze. Alles schmilzt unter der Sonne.
Bäume stehen in einem leichten Dunst und sehen unwirklich aus.
Zwei Nächte hintereinander werden im Himmel über Lugansk Drohnen abgeschossen.
Als wäre das Feuerwerk bis zum Morgengrauen.
Es kommt einem so vor, als würde man aus der nächsten Nähe schießen, aber nein. Die Schüsse kommen aus der Weite.
Die Grenzkontrolle verlief wie immer abenteuerlich.



Diesmal sind wir mit einem PKW gefahren – wir haben etwas gebrauchte Kleidung mitgenommen, einen Rollstuhl (Kolja, es tut mir leid, dein Rollstuhl passte nicht herein, nächstes Mal) und Medikamente.
Alles andere kaufen wir vor Ort ein. Aber das Wichtigste, was wir mit uns mitgenommen haben, was man in Donbass nicht finden kann – Insulin. Man muss es kühl aufbewahren.
An der Grenze steht eine zwei Kilometer lange Warteschlange + viele Busse und die Reihen von Menschen, die zu Fuß über die Grenze gehen wollen.
Auf dem Kopf tragen sie Blusen oder Hemden, ihre Schultern sind mit Badetüchern verdeckt – um nicht zu verbrennen. Weder Wolke noch Baum – nichts. Nur brennende südliche Sonne.
In der Menge redet man über das Eine – Donezk, Gorlowka, Renten und Krieg.
„Bei uns ist ruhig. Wir kehren nach Hause zurück. Es ist unerträglich so wie es jetzt ist.“
„Bei euch ist es ruhig, und bei uns ist es gar nicht ruhig.“
„Ach so. Ihr seid wohl aus Gorlowka? Wir sind ja Einheimische hier, aus Krasnodon... Das zu Hause...“
Mehrstündiges Stehen in der Hitze, eine lange Schlange von Autos, die sich kaum zum Ziel hinbewegt.
Und das Eis schmilzt schon und der Kühlschrank hört am zweiten Tag auf, Kälte zu produzieren.
Und darin befindet sich das lebenswichtige Insulin, das unbedingt Kälte braucht.
Das Ende des Stehens ist nicht in Sicht. Wir haben schon eine Nacht gar nicht geschlafen und beginnen langsam verrückt zu werden. Der zweite Tag des Wartens beginnt.
Mittlerweile wird aus einem Bus ein betrunkenes Mädel herausgeführt. Sie lacht und geht barfuss. Sie wackelt beim gehen. Ihre Freundin vermeidet den Leuten in die Augen zu sehen.
Fliegen kleben an Menschen, Straßenverkäuferinnen werben lustlos für ihr noch warmes Gebäck.
Eine Menge von Kindern mit feuchten Haaren und die Tanten, die sich mit Papierblättern, Heften und Zeitungen befächeln.



Männer rauchen eine Zigarette nach der anderen und wissen nicht, womit sie sich beschäftigen sollen. Die Warteschlange kann man nicht für lange verlassen – sie kann jederzeit anfangen, sich wieder zu bewegen.
Die Busfahrer reden über ihre früheren Fahrten:
„Letztes Mal habe ich hier länger als einen Tag gestanden. Und dann kam ich in einem Moment durch.“

Ich fühle, dass es so nicht weiter geht und entscheide mich für eine waghalsige Aktion.
Ich gehe zum Anfang der Schlange zu einem beigefarbenen Auto. Ich breite die Arme aus, halte den tragbaren Kühlschrank in den Händen und bitte den Mann im Auto unter Tränen:
„Gnädiger Herr, bitte. Noch fünf Stunden und das Insulin wird schlecht. Gnääädiger Herr!“
Der gnädige Herr schaut auf mich, dann auf die Kühlbox, dann wieder auf mich.
Was ist wirksamer, Dekolleté oder Insulin? Ich entscheide mich für das zweite. Ich hole die Packungen und halte ihm Körbchen und Quittungen vor die Nase. In seinem Gesicht sehe ich Zweifel. Dann mache ich das Dekolleté breiter.
„Na gut.“
Ich atme erleichtert auf. Wir kriechen zum Anfang der Warteschlange. Von allen Nachbarautos werde ich mit wütenden Blicken beworfen.
„Ihr habt hier nicht gestanden!“
Und hier kommt ein Anruf von unseren Freunden, die auf der anderen Grenzseite auf uns warten.
„Leute, durch euren Grenzpunkt fahren jetzt 40 LKWs der russischen humanitären Hilfe nach Russland zurück.
Oh mein Gott. Für uns bedeutet das ein noch längeres Warten.
Insulin.
Entzündete rote Augen. Die Beine knicken ein. Und Hitze, Hitze, Hitze.

Die Warteschlange ist stehen geblieben und bewegt sich zwei Stunden nicht weiter. Das Auto ist glühend heiß, die Sitze sind wie Saharasand – man könnte darauf Spiegeleier zubereiten.
Ich werfe die Tür zu. Und sie... verriegelt sich. Unbegreiflich warum.
Schenja sieht mich an. Die Schlüssel sind drin, alle unsere Sachen sind drin. ALLES ist drin. Nur wir sind draußen.
Das Auto hat sich verriegelt, weiß der Kuckuck warum.
Meine Gefühle in diesem Moment, nach 24 Stunden ohne Schlaf, unter Hitze und Stress, kann man schwer wiedergeben. Es war so etwas wie eine Katharsis, die eintreten musste, aber plötzlich aufgeschoben wurde.
Jederzeit kann kann es mit der Warteschlange weiter gehen.
Ich gerate in Panik.
Alle Männer in der Schlange sind zu uns gekommen und beratschlagen, wie man in das Auto mit Minimalschäden einbrechen kann.
„Von der Kofferraumseite.“
„Mach die Leiste ab.“
„Schlage das Rückfenster ein.“
In Panik laufe ich herum. Mich beruhigen die daneben stehenden Frauen.
„Hör auf, Hauptsache alle sind gesund und unversehrt! Das sind doch Kleinigkeiten!“
Eine solche menschliche Solidarität habe ich lange nicht gesehen. Wenn auch ziemlich erschöpft, wurden alle plötzlich lebendig, haben angefangen uns zu helfen und zu bemitleiden.
Männer brachten Werkzeug, Wasser, Tücher, Klebeband. Also, uns bleibt nichts anderes übrig – wir schlagen das Autofenster ein.



Um dann das Loch mit Klebeband zu verkleben.
Und fast gleich darauf schob sich die Warteschlange nach vorne und wir fuhren los.
Eine so leichte Zollabfertigung wie diesmal hatten wir noch nie gehabt.
Auf allen Seiten redeten Leute über unser zerschlagenes Autofenster.

Alle Grenzpolizisten und Grenzbeamten hatten so viel Mitleid mit uns, dass wir blitzschnell durchfahren durften.
Und wir sahen tatsächlich ganz niedergeschlagen aus.
Vor uns lagen riesige Felder mit Sonnenblumen, Mais und Weizen.
Die Hälfte des Donbassterritoriums ist vermint und man kann an jeder Stelle auf eine Mine treten. Auf jedem Feld kann es passieren.
Und sogar entmint kann es dort gefährlich sein. Menschen, die diese Felder bestellen, sind Helden.

Ein trügerischer Sommer und die Hitze, wo junge Frauen in schönen, kurzen Röcken spazieren und Kinder auf den Straßen laufen.

Der trügerische Sommer. Der Krieg ist nicht vorbei.


Und, wie immer ...

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