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Schrammsteingedanken während eines Sonnenuntergangs

by Thomas Trauzsch 19.10.2018

Mobirise

Mein Zuhause mag dort sein, wo ich meinen Hut hinhänge.
Heimat ist jedoch dort, wo meine Wurzeln liegen.

In diesem Jahr haben wir, also unsere kleine Restfamilie bestehend aus meiner Frau, unserer Tochter und mir, beschlossen, in heimatlichen Gefilden Urlaub zu machen. Das hatte hauptsächlich finanzielle Gründe, zumal wir beide in diesem Jahr temporär nachwirkende berufliche Veränderungen vorgenommen haben, die es erforderlich machen, etwas genauer auf das Budget zu schauen. Da wir beide gern wandern und keinen gesteigerten Wert auf überschwänglichen Komfort legen, entschieden wir uns im Sommer, sowie für den Herbst für eine Jugendherbergstour. Den Sommerurlaub verbrachten wir in der Sächsischen Schweiz in der Jugendherberge in Ostrau, einem Ortsteil von Bad Schandau.
Nicht weit entfernt von der Jugendherberge befinden sich die Schrammsteine, eine der vielen typischen Felsformationen im Elbsandsteingebirge, die durch den Druck der Zeit und der Elemente ihre imposante Form erhalten haben. Die Spitze der Schrammsteine lässt sich in einer ca. 1-stündigen Wanderung von der Jugendherberge aus erklimmen. Von dort hat man eine fantastische Aussicht über den Naturpark Sächsische Schweiz und es lassen sich spektakuläre Sonnenauf- und Untergänge dort beobachten. 
Mobirise
Und als ich abends da so auf den Schrammsteinen saß und wartete, dass die Zeitrafferaufnahme des stattfindenden Sonnenuntergangs durchlief, kam ich nicht umhin, mich gedanklich ein bisschen mit dem Begriff der Heimat auseinanderzusetzen, zumal gerade in dieser Zeit häufig mediale Debatten darüber geführt wurden, welche z.T. die Bedeutung dieses Begriffs zu relativieren versuchten. Es gibt einige Menschen da draußen, die der Meinung sind, daß der Begriff Heimat für die Deutschen keine Relevanz mehr besitzen sollte, weil die geschichtlichen Ereignisse der Vergangenheit das von uns abverlangen würden. Angestoßen durch die Flüchtlingsdebatte finden einige Menschen es richtig, die Deutschen dazu zu zwingen, diesem Begriff zu entsagen, weil sie der Meinung sind, er sei rechtslastig konnotiert und daher nicht mehr zeitgemäß. Diese Ansicht ist hauptsächlich an den extremen linken Rändern des politischen Spektrums zu finden, macht aber auch immer mehr in der Mitte der Gesellschaft Schule, wie z.B. bei den Grünen und auch in Teilen der SPD, z.B.
Nun ist es ja so, dass der Begriff Heimat für jeden Menschen eine individuelle Bedeutung hat, abhängig davon, wo er geboren wurde, wo er aufgewachsen ist, seine ersten Freundschaften geschlossen hat, seine Liebe gefunden und vielleicht eine Familie gegründet hat. Jeder Mensch deutet diesen Begriff individuell und beschreibt damit das Objekt seiner emotionalen Bindung zu einem Land, einer Region, einer Gruppe von Menschen, die ihm etwas bedeuten, oder einem besonderen Umfeld des Wirkens und Wirken-lassens, oder besonderen Gepflogenheiten. Diese Idee und das damit verbundene Gefühl herrscht in jedem Menschen in verschiedenem Maße vor und jeder Mensch misst dieser innerlich existierenden emotionalen Bindung an bestimmte Dinge, mit denen er verwurzelt ist, eine unterschiedliche Bedeutung bei. Was spielt es also für eine Rolle, mit welchem Wort man dieses Phänomen bezeichnet? Und was will man damit erreichen, wenn man einen fundamentalen Begriff der deutschen Sprache außer Kraft setzen will? Ändert sich dadurch etwas im Wesen des Empfundenen? Gelingt es durch die gewollte Unterdrückung des deutschen Begriffs Heimat wirklich, die teils schrecklichen Geschehnisse der Vergangenheit besser aufzuarbeiten und dadurch die Gegenwart und die Zukunft besser zu gestalten? Ist das wirklich eine Frage von reinen Begrifflichkeiten? Ist es Zufall, dass die Mehrheit der Menschen diese Art der heimatlichen Bindung in gleichem Maße empfinden oder ist es vielleicht nur die Folge einer Art Gehirnwäsche oder Programmierung durch jeweils vorherrschende Institutionen?
Daß solche scheinakademischen Terminologiedebatten oft von linken Institutionen ausgehen, kommt nicht von ungefähr, denn diese haben eine gewisse Historie in der Erzeugung und Durchsetzung überzogener akademischer Begrifflichkeiten zum Zweck der Abgrenzung der eigenen ideologischen Grundsätze von der oft verachteten bürgerlichen Grundmoral, die in unseren Breitengraden nicht unwesentlich durch das Christentum geprägt wurde. So erinnern sich sicher noch viele Bürger der ehemaligen DDR an die ein oder andere begriffliche Zensurverränkung, deren einzig offensichtliches Ziel es war, die Assoziation zu einem plötzlich unliebsam gewordenen Glaubenssystem zu vermeiden, bzw. den Denkprozess der Massen in eine einheitliche andere Richtung zu zwängen, als dies vorher der Fall war. Im Nachhinein kann man sich durchaus die Frage stellen, inwiefern diese Methoden zum Erfolg geführt haben. Man kann zwar die Begrifflichkeiten ändern, jedoch ändert eine neue Terminologie nichts an der eigentlichen, natürlichen Prinzipien folgenden Empfindungen der Menschen, die große Teile ihres Lebens prägen, und die Tendenz alteingesessene und historisch gewachsene Bezeichnungen und Worte durch neue Terme ersetzen zu wollen ist meistens von vornherein zum Scheitern verurteilt. In dieser Hinsicht sollte ebenfalls der Grundsatz gelten "Leben und Leben lassen." Es ist illusorisch anzunehmen, dass man durch die Vermeidung von bestimmten Begrifflichkeiten, die über Jahrtausende deutscher Geschichte geprägt wurden, etwas an den damit verbundenen Assoziationen ändern kann. Wenn man die historischen Fehler der Deutschen aufarbeiten will, so nützt es nichts, einfach an den Begrifflichkeiten zu schrauben, in der Hoffnung, die Assoziationen, die einst mit bestimmten Wörtern verbunden waren vergessen zu machen. Das Wort "Heimat" ist nicht Schuld an der Konnotation, welche es durch die Nazis in Deutschland erhalten hat.
Was will man also mit diesem ganz offensichtlichen Unsinn bezwecken? Die Existenz geo-strategischer Ziele, Deutschland mittels des großen Zeigefingers auf seine braune Vergangenheit und mittels der europäischen Integrations- und Migrationspolitik von neuerlichen Großmachtsbestrebungen fernzuhalten sind heutzutage mittlerweile schwer bestreitbar. Aber erreicht man damit das Ziel der langfristigen vermeintlichen Zwangsbefriedung der Deutschen, oder erzeugt man damit nicht eher einen gegenteiligen Effekt, weil die immer offensichtlichere künstliche Unterdrückung eines deutschen Nationalbewusstseins durch organisierte Manipulation eher den Hass und die Frustration steigert, als diese zu beseitigen? War es nicht schon einmal nach dem Ersten Weltkrieg der Fall, dass man den Deutschen mit den Versailler Verträgen und erzwungenen Entmilitarisierungsmaßnahmen in ein Korsett gezwängt hat, das letztendlich nur dazu führte, dass es wenige Jahre später ein Leichtes für die europäische Oligarchie war, frustrierte unzufriedene Massen zu mobilisieren und hinter einer eigens zu diesem Zweck geformten Figur namens Hitler zu sammeln und zu instrumentalisieren, um Europa erneut zu entvölkern und in Schutt und Asche zu legen? Läuft man nicht Gefahr mit derartigen repressiven Maßnahmen, von denen eine solche Begriffsakrobatik, wie wir sie im Bezug auf die Heimat durch die Linken erleben, nur einer von vielen Ausdrücken ist, eher den Schwelbrand unterirdisch anzufachen und später zur Explosion zu bringen, als ihn nachhaltig einzudämmen und zu löschen? Insofern sollte sich der Teil des Linken Spektrums, der solchen Wortübungen anhängt, selbst hinterfragen, von wem er vielleicht instrumentalisiert wird, und zu welchen Zweck.
Die Gewährleistung eines nachhaltigen Friedens auf unserem Kontinent und der Welt im Allgemeinen kann nicht mehr allein durch gezielte und elitär gesteuerte geo-strategische Manipulationen erfolgen, sondern muss auf einem harmonie-basierten Konzept der gemeinsamen souveränen wirtschaftlichen Entwicklung fußen. Die Gewährleistung der territorialen Souveränität durch das Nationalstaatenkonzept spielt dabei zumindest derzeit noch nach wie vor eine wichtige Rolle, weil die emotionale Bindung der Menschen an ihre Heimat und ihre kulturelle Herkunft sich eben nicht durch reine Rhetorik und zwanghafte Gesetzgebungen beseitigen läßt, und die erzwungene Integration anderer Kulturen und die damit angestrebte "Ausdünnung" der deutschen Kultur eben nicht der Idealzustand ist. Derzeit ist der Integrationsprozess sowohl für die Flüchtlinge, als auch für die Host-Staaten an einen existierenden menschlich erschaffenen Zwang gebunden. Integration als Prozess des Austauschs zwischen Kulturen ist etwas absolut Fördernswertes, nur sollte dieser Prozess idealerweise auf der Basis der Freiwilligkeit der beteiligten Völker und Kulturen geschehen. Freiwilligkeit in dem Sinne, dass dieser Prozess nicht mehr durch geopolitische Zwänge, wie Kriege oder Wohlstandsgefälle ausgelöst wird, sondern eher durch Neugier einander zu entdecken. Darin sollte das noble Ziel einer ordentlichen Politik liegen.
Derzeit versucht man, die durch die vorangegangenen und vom Westen gesteuerten Kriegshandlungen absolut vorhersehbaren Flüchtlingsströme als politisches Instrument zu benutzen. Jede politische Coleur tut das auf ihre eigene Weise mit unterschiedlichen Zielen. Dabei wird jedoch stets übersehen, dass der Idealzustand doch eigentlich wäre, dass die Menschen, die sich nach Europa aufmachen, erst gar keinen Grund hätten zu fliehen. Jedoch ist bis auf wenige Ausnahmen bei keiner der etablierten deutschen Parteien und in deren Programmen etwas zu erkennen, das auf politische Maßnahmen in diese Richtung weisen würde. Die Linke hat eine klare Formulierung für eine Antikriegspolitik auf der Basis des Verbots von Waffenexporten und der stärkeren Kontrolle der hiesigen Rüstungsindustrie. Das ist ja nicht schlecht, aber reicht das aus? Nein. Leider gibt es auch bei der Linken keine konkreten Entwicklungsprogramme und Strategiepapiere, die verdeutlichen würden, was die Bundesrepublik sowohl auf der internationalen, als auch auf der nationalen politischen Bühne unternehmen müsste, um den Nationen, die von Krieg und Elend betroffen sind, zu einer Ausgangslage zu verhelfen, die es ihnen ermöglichen würde, ihr Land aufzubauen und nachhaltig zu entwickeln, so dass sich deren Lebensstandards an das europäische Niveau angleichen können und somit ein wesentlicher zwanghafter Migrationsgrund beseitigt werden würde. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Linke dahin entwickeln würde und mit der Aufstehen-Bewegung ist sicher ein gewisses Potential dafür da, aber die Chancen, dass dies tatsächlich geschieht, schätze ich als eher gering ein. Trotzdem soll man nicht aufhören, zu mahnen, dass sich die Linke diese Erkenntnis zu eigen machen sollte und dass sie aufhören soll, mit ihren teils identitären Debatten und Spaltereien über Kleinstprobleme unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Meine gedanklichen Ausführungen wurden durch das Fertigwerden meiner Zeitrafferserie abrupt beendet. Ich packte mein Fotozeug zusammen und begab mich zum Abstieg von den Schrammsteinen in Richtung Jugendherberge, wo meine Frau und Tochter bereits tief in ihren Doppelstockbetten schliefen. Mir war jedoch noch keine Ruhe beschieden und ich hing noch dem ein oder anderen Gedanken nach, bevor ich auch einschlief.
Später fertigte ich dann das Zeitraffervideo von dem Sonnenuntergang bei den Schrammsteinenen an. 
Wann immer ich mir jetzt im Nachhinein dieses Video anschaue, dann bereue ich, dass ich mich nicht schon eher zu den Schrammsteinen aufgemacht hatte, um zum Einen am Ende einen längeren Zeitrafferfilm und zum Anderen noch etwas mehr Zeit und Ruhe für die Ausführung dieser Gedanken gehabt zu haben, um vielleicht zu Lösungen zu kommen, denn das bleibt immer der schwierigste, aber keineswegs unmögliche Teil.
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